Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 4 (1903)
- Issue
- 11 (11.1903)
- Date
- 1903-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4921092-5965009-5965203--0842-4921891- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
192 No. 11 kleideten Jünger Jahn's in den Strassen. Gewaltig war der Andrang zum Festplatze, dem Ludwigsfelde. Am Sonnabend den 18. Juli erfolgte die feierliche Eröffnung des Festes durch den Vorsitzenden der Deutschen Turnerschaft, Dr. Ferd. Goetz, in der grossen Festhalle. Mit Genugtuung konnte der alte Herr auf das gewaltige Wachstum der Turnerschaft hinweisen. War die Zahl der Mitglieder doch jetzt auf mehr als 700 000 gestiegen, um fast 20000 pro Jahr seit dem letzten Turnfeste. Stolz und selbstbewusst klangen die Worte des greisen Führers durch die weite Halle, als er von dem gewaltigen Wachstume und der immer mehr hervortretenden nationalen Bedeutung der „Deutschen Turnerschaft" sprach. Brausender Beifall aus 15 000 Kehlen begleitete seine Worte, ebenso wie die der Vertreter der Staats- und Stadtbehörden, von denen mit ganz besonderer Wärme und Begeisterung der Bürgermeister von Nürnberg, Dr. von Schuh, das Lob der Turnkunst sang. Am folgenden Tage fand der grosse Festzug statt. Nach Kreisen geordnet marschierten die Turner in langem Zuge durch die Strassen der Stadt zum Festplatze. Die zahlreichen Festwagen mit Darstellungen aus der Turngeschichte und der germanischen Heldensage, die bunten, mannigfaltig geschmückten Fahnen und Banner, die jedem Vereine voraufgetragen wurden, boten ein ungemein anziehendes buntes Bild. Blumen in grosser Zahl überschütteten die Turner. Das „Gut Heil"-Rufen wollte kein Ende nehmen! Oftmals stockte der fast 2 Stunden lange Zug. Eine, unfreiwillige Pause voa 1 Stunde nötigte die Teilnehmer zum Ausharren. Allein weder diese unangenehme Müsse noch der von Zeit zu Zeit einsetzende Regen konnte die Stimmung beeinträchtigen. Um Va6 Uhr Abends, 6 Stunden nach Beginn, war der Festplatz erreicht. Schar auf Schar durchzog das grosse Eingangstor. Man konnte hier alle Teilnehmer bequem in Augenschein nehmen. Sehr zahlreich waren der XIV. Kreis (Sachsen) und der XV. Kreis (Deutsch-Österreich). Nach dem letzteren marschierte der „Deutschfreiheitliche Turnverband Österreichs". Auf den ersten Blick konnte man erkennen, dass die Mehrzahl der Mitglieder desselben Juden sind. Die Reihen der Turnvereine von Prag und Brünn und des „Deutsch-österreichischen Turnvereins" in Wien werden nicht viele „arische" Turner enthalten haben. Der Typus des Turnwartes des Brünner Turnvereins konnte den ihm vorauf marschierenden antisemitischen Österreichern des XV. Kreises die Festesfreude sehr verderben. —