Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turnzeitung · 1903-11-01 · 11 (11.1903) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
4 (1903)
Issue
11 (11.1903)
Date
1903-11-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/4921092-5965009-5965203--0837-4921886
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 11 187' unverminderter Verehrung betrachten, sie lieben und sie zu fördern bestrebt sind, dass dies uns aber in keiner Weise daran hindern kann, auch die Werke unserer Vorfahren zu lieben und die hohe ethische und soziale Kultur, die unser jüdisches Volk erstrebt und erreicht hat. Und doch können wir den Worten eines unserer jüdischen Gegner nicht ganz die Berechtigung absprechen. In einem Artikel in No. 47 der ^Allgemeinen Zeitung des Judentums" schreibt Rechtsanwalt Meyer, ein Mann, der sich in mancher Beziehung um die deutsche Judenheit verdient gemacht hat, folgendes: „Wir selbst sind das Geschlecht, welches geht. Wir werden unser Leben beschliessen, unsern Grundsätzen getreu als treue Söhne unseres Vaterlandes und treue Bekenner unseres Glaubens. Aber wir sind von Sorge erfüllt um unsere Jugend. Was soll aus unseren Söhnen werden, wenn sie ins Leben treten und nun im öffentlichen Leben, auf der Universität hören, dass alles, was wir ihnen beigebracht haben, verkehrt sei, dass unser Fühlen und Empfinden falsch ist, unsere Stellung zum Vaterlande unrichtig sei! Mit Schmerz und Kummer werden unsere Söhne wählen müssen zwischen unserer Auffassung und der Auffassung, welche die Jüdisch-nationalen vertreten . . . Unsere Söhne werden aus dem Judentum herausgedrängt werden, weil sie in ihrem patriotischen Empfinden, welches ihnen Herzenssache ist, da sie es im Elternhause vor sich gesehen haben, von den eigenen Glaubensgenossen verletzt und gedemütigt werden. Mit dieser Richtung werden sie eine Gemeinschaft nicht halten wollen, und, wenn sie vor die Wahl gestellt werden, ob sie ihr Deutschtum oder ihren Glauben aufgeben wollen, so wird, fürchten wir, die Kirche der tertius gaudens an diesem Zwiespalte der Empfindungen sein." Wir brachten diese Ausführungen, weil uns in Herrn Rechtsanwalt Meyer ein ehrlicher und offener Gegner, ein Assimilant im guten Sinne des Wortes gegenübersteht, und — wir müssen tatsächlich seinen Erwägungen zustimmen. Auch wir sind der Ansicht, dass die Nachkommen dieser Juden, wie sie sich bisher ihrer jüdischen Stammeszugehörigkeit entkleideten, bald auch dem jüdischen „Glauben" Valet sagen werden. Aber der Grund hierfür liegt nicht in der national-jüdischen Bewegung, sondern in dem ihnen von ihren Eltern beigebrachten „Patriotismus", der nichts anderes ist wie deutscher Chauvinismus. Mit diesem allerdings verträgt sich das Nationaljudentum nicht. 11*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.