Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 4 (1903)
- Issue
- 9 (9.1903)
- Date
- 1903-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4921092-5965009-5965202--0819-4921869- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
174 Xo. St juden". Wenige Monate später wurde der Turnverein „Bar Kochba" in Berlin begründet, heute gibt es an 30 Vereine und nahezu 2000 jüdische Turner. Wir sind hierhergekommen, um Ihnen zu zeigen, was wir in diesen 5 Jahren geleistet und wie wir gearbeitet haben. Doch möchte ich Sie bitten, nicht gar zu hohe Anforderungen an das heutige Schauturnen zu stellen. Bedenken Sie, dass hier Turner aus' ^Verschiedenen Vereinen zusammenturnen, die nur wenige Stunden zur gemeinsamen Vorbereitung hotten, und dass sich unter ihnen solche finden, die nicht einmal das deutsche Kommandowort verstehen! Wenn Sie dies beachten, werden Sie sicher mit dem Gebotenen zufrieden sein. Liegt nun naturgemäss das Hauptgewicht der heutigen Veranstaltung in den turnerischen Darbietungen, so sei es mir doch gestattet, mit wenigen Worten Ihnen das zu sagen, was wir durch unser Turnen bezwecken. Unser Streben lässt sich in drei kurzen programmatischen Worten wieder geben: Kraft, Mut, Disziplin. Kraft den Sehnen, Mut den Herzen, Disziplin den Hirnen. Wie, werden vielleicht manche unmutig fragen, hat das jüdische Volk noch nicht genug Kraft bewiesen? Hat es nicht allen Stürmen, allen Anfeindungen und Verfolgungen durch die lange Nacht der trostlosen Jahrhunderle widerstanden? Wohl, antworten wir, aber es ist nicht diese Kraft, die wir der jüdischen Jugend verleihen wollen, nicht die Kraft des Duldens und Ertragens, sondern die Kraft des Handelns und des Schaffens, nicht die Kraft des Märtyrers, sondern die des Kämpfers. Unsere Sehnen und Muskeln sollen stark werden, unser Körper gesund und kraftstrotzend, damit auf dieser Grundlage der Mut, das frohe Selbstvertrauen erwachse, denn dieser Mut ist es, den unser Turnen verleiht. Nicht der Mut unserer Väter, für ihre Überzeugung in den Tod zu gehen, sondern der Mut, für sie zu leben und zu ringen, der siegesfrohe, der optimistische Mut des Streiters *ws eigener Kraft. Und endlich die Disziplin, das letzte und schwerste Ziel, das wir uns stecken. Die Disziplinlosigkeit, die Uneinigkeit war es, die uns in der Vergangenheit die grössten Schäden brachte. Wir aber wollen die Unterwerfung des Einzelunter den Gesamtwillen, die freiwillige Unterordnung dem freigewöhlten Führer. Nur auf diesem Wege wird Grosses geleistet werden können, werden wir für die grossen Kämpfe, die uns in Zukunft bevorstehen, richtig gewappnet sein. Das ist unsere Devise. Nun lassen Sie mich noch kurz die Bedeutung des heutigen Schauturnens Ihnen auseinandersetzen, denn nicht nur aus Dankbarkeit sind wir hierhergeeilt, sondern, selbstsüchtig, wie wir sind, verfolgen wir noch einen eigenen Zweck. — Vor Jahresfrist errichtete der Berliner Verein „Bar Kochba" eine besondere zweite Münnerabteilung, die nur aus Juden nicht-deutscher Staatsangehörigkeit gebildet wurde. Hiermit beabsichtigten wir, diese jüdischen jungen Leute, die jeglichen Turnens völlig unkundig, sich an uns wandten, allmählich auszubilden und sie in den Stand zu setzen, das bei uns Erlernte dereinst in ihrer Heimat zu verwerten, und die Segnungen des Turnens denen zu bringen, die ihrer am meisten bedürfen, unseren östlichen Brüdern und Schwestern. Nun, meine verehrten Anwesenden, dieses Schauturnen ist ein Unter-