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Jüdische Turnzeitung · 1903-09-01 · 9 (9.1903) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
4 (1903)
Issue
9 (9.1903)
Date
1903-09-01
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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158 No. 9 gleichberechtigte Mitbürger sie werden wollen, erkennen und durchzuführen suchen. Wir verweisen die Juden nochmals auf die Stimme ihres Glaubensgenossen, Rathenau, der seinen Rassenangehörigen so laut sein „Höre, Israel!" zurief: „Seltsame Vision! Inmitten deutschen Lebens ein abgesondert fremdartiger Menschenstamm, glänzend und auffallig staffiert, von heissblütig beweglichem Gebahren. Die gezwungene Heiterkeit dieser Menschen verrät nicht, wie viel alter, ungesättigter Hass auf ihren Schultern lastet. Sie ahnen nicht, dass nur ein Zeitalter, dass alle natürlichen Gewalten gefesselt hält, sie vor dem zu beschützen vermag, was ihre Väter gelitten haben: In engem Zusammenhang unter sich, in strenger Abgeschlossenheit nai)h aussen -: so leben sie in einem halb freiwilligen, unsichtbaren Ghetto, kein lebendes Glied des Volkes, sondern ein fremder Organismus in seinem Leibe. Von der wirtschaftlichen Frage will ich nicht sprechen. Drohender erhebt sich die gesellschaftliche, die Kulturfrage. Und diese gesellschaftliche Frage droht in allen Ecken des Reiches. Wer sucht ihr heute ernstlich die Antwort? Dem Stammesdeutschen ist die Frage so zuwider, wie ihr Gegenstand. Er ist zufrieden, wenn das schwärzliche Volk ihm vom Leibe bleibt. Um Ihre Zukunft sich zu kümmern hat er keine Veranlassung. Und was tut Israel, um vom Banne befreit zu weeien? Weniger als nichts. Vereine habt ihr gegründet, — zur Abwehr," anstatt zur Einkehr. Den Besten unter Euch habt Ihr das Leben zuwider gemacht, sodass sie Euch den Rücken kehrten. Schreiet nicht nach Staat und Regierung. Der Staat hat Euch zu Bürgern gemacht, um Euch zu Deutschen zu erziehen. Ihr seid Fremde geblieben und verlangt, er solle nun die volle Gleichberechtigung aussprechen? Wollt Ihr aber, in Eure Stadtviertel verschanzt, weiter mit falschen Märtyrerkronen stolzieren, — nur zu, man wird Euch nicht wehren. Was muss also geschehen? Ein Ereignis ohne geschichtlichen Vorgang: Die bewusste Selbsterziehung einer Rasse zur Anpassung an fremde Anforderungen. Anpassung nicht im Sinne der „Mimikry" Darwins, welche die Kunst einiger Insekten bedeutet, sich die Farbe ihrer Umgebung anzugewöhnen, sondern eine Anartung in dem Sinne, dass Stammeseigenschaften gleichviel ob gute oder schlechte, von denen es erwiesen ist, dass sie den Landesgenossen verhasst sind, abgelegt und durch geeignetere ersetzt werden. Das Ziel des Prozesses sollen nicht imitierte Germanen, sondern deutschgeartete und erzogene Juden sein. Und zwar wird sich zunächst ein Zwischenstand bilden müssen, der, von beiden Seiten anerkannt, ein Trennungs- und Verbindungsglied zwischen Deutschtum und Stockjudentum vorstellt: ein jüdisches Patriziertum — nicht des Besitzes — sondern der geistigen und körperlichen Kultur. Dieser Stand wird durch seine Wurzeln von unten herauf immer neue Nahrung aufsaugen und mit der Zeit alles verarbeiten, was an umwandlungsfähigem und verdaulichem Material vorhanden Ist." Dieses „Höre, Israel!" sollte seine Beachtung finden." Diese wohlbekannten Ausführungen hier wiederzugeben, hätten wir uns gern versagt, wenn sie nicht gerade den Schlüssel für die

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