Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 4 (1903)
- Issue
- 8 (8.1903)
- Date
- 1903-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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152 .Nu. S schöpflicher Frische gerauscht haben. Das Judentum muss für unsere Kinder wieder — wie Berthold Auerbach so schön sagt — eine «Gemütsheimat» werden, wohin sie sich stets, Friede und Labsal für die Seele findend, zurückziehen können, wenn die rauhe Hand des Alltagskampfes sie abstöst. Die Schwankungen des Nervenlebens, welchen gerade das jüdische Kind ausgesetzt ist und die sein Inneres mit Zerrissenheit bedrohen, brechen sich nur an einem harmonisch ausgebildeten jüdischen Gemütsleben. Unsere jüdischen Turnvereine haben deshalb auch in Erkenntnis der pädagogischen und hygienischen Bedürfnisse gehandelt, wenn sie ihre Bestrebungen auf echt jüdischen Boden gestellt haben. Die von den Nervenärzten gerade für die jüdische Jugend geforderte Gemütsvertiefung kann nicht erreicht werden, wenn maii, wie es neulich von einem an der hervorragendsten Stelle in Deutschland amtierenden Rabbiner geschehen ist, den jüdischen Festtagen das nationale Mark auszieht und sie zu Trägern dürrer, abstrakter und philosophischer Ideen degradiert. Wo bleibt da das Verständnis für die Regung des kindlichen Gemütes? Wenn die Nervenärzte über die Zerfahrenheit der jüdischen Gemütsbildung besonders in den stark assimilierten Kreisen Klage führen, so betonen sie übereinstimmend den Hang der Juden zu einseitiger geistiger Dressur in der Erziehung. Die Ursachen sind ja freilich verständlich und machen diese Neigung entschuldbar. In einer nervös belasteten Menschenkategorie, wie wir sie einmal darstellen, darf sich der elterliche Ehrgeiz, welcher von den Kindern hervorragende intellektuelle Leistungen oder mehr noch deren Bestätigung durch Schulerfolge fordert, nicht die Zügel schiessen lassen, und der kindliche Ehrgeiz nicht unvorsichtig früh geschürt werden. B'reilich verleitet der von mir schon angedeutete Umstand der höheren geistigen Veranlagung leicht dazu. Nervös belastete Kinder bieten oft nur ein Frühtalent dar, das zu kühnen Hoffnungen und damit zur kecken Ausnützung reizt, nicht selten aber unter der vom elterlichen Stolze diktierten Geistesarbeit zusammenbrechen kann. Wenn die Begabung echt ist, wird das Kind auch ohne Sporn und Stachel seinen Weg finden und durch ungestümes Antreiben nur in seiner ererbten nervösen Disposition gesteigert werden. Diese Vorsichtsmass-