Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 4 (1903)
- Issue
- 8 (8.1903)
- Date
- 1903-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 8 143 Geschenk einer Sesshaftmachung gebracht, in welche die Gefahr der jähen Verstossung nicht, wie bei unseren östlichen Stammesgenossen, hineingreift. Unsern ererbten neurasthenischen Charakter zu tilgen, haben die paar Jahrzehnte um so weniger vermocht, als sie eine fruchtlose Überanspannung der geistigen Kräfte provozierten. Wir fühlten uns zur Mitarbeit und Konkurrenz berufen in einer Zeitepoche, welche die geistigen Fakultäten der Menschheit ungemessen anspannt. Es war vorauszusehen, dass das Volk des «Lernens» sich mit voller Gier auf des Wissens Born, der ihm solange verschlossen war, stürzte und ohne Zagen in den Wettbewerb eintrat, der um die Hebung der Kultur und Intelligenz der Menschheit sich entspinnt. Ein Organismus, durch jahrtausendlange Misshandlung geschwächt, verträgt indes solchen Kampf nicht ohne Einbusse an Nervenkraft. Und je mehr wir sehen, wie im Kampf ums Dasein, der für uns trotz aller «Gleichberechtigung» ein drei- und mehrfach schwererer war, Wissen und Können, Gewandtheit und Routine den Ausschlag geben, um so weniger waren wir darauf bedacht, dass für die Gesundheit unseres Leibes und unserer Seele der Besitz dieser Eigenschaften nicht nur nicht ausreicht, sondern zum Schaden werde, wenn nicht ein gewisses Mass körperlicher und geistiger Ausspannung und dann aber auch eine Fürsorge für die Ausgestaltung unseres Gemütslebens ausgleichend hinzutritt. . Dem Prinzipe des Intellektualismus haben wir uns gewöhnt, auch in der Erziehung unserer Kinder zu sehr zu huldigen und dem ist es mit zu verdanken, dass über dem Haupte unserer Kinder, trotz der gewaltigen Vorzüge, deren sie sich vor ihren östlichen Ghettogenossen zu erfreuen haben, die Gefahr der nervösen Erschöpfung ebenso schwebt wie sie Mandelstamm für seine östliche Jugend befürchtet. Wenn man aber etwa in der resignierten Überlegung, dass das Gesetz der Vererbung, durch welche die nervöse Disposition in unserem Stamme sich fortwälzt von Geschlecht zu Geschlecht, unaufhaltsam ist, die Hände in den Schoss legen wollte, so muss darauf verwiesen werden, dass in der Erziehung eine Macht gegeben ist, durch welche die nervöse Eigenart wohltätige oder schädliche Umbildungen erfahren kann, welche wiederum auf die Nachwelt übertragen werden.