Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 4 (1903)
- Issue
- 6 (6.1903)
- Date
- 1903-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No 6 99 Körperfunktionen besondere Pflege finden, während beim Turnen der ganze Körper gleichmässig behandelt werden soll, eine gleiche Leistungsfähigkeit aller Turner aber nicht angestrebt wird, Gegensätze, die an der Verschiedenheit der zu erreichenden Zwecke ihre volle Begründung finden. Wichtiger als der Unterschied in den äusseren Formen der Betätigung ist der des moralischen Einflusses der beiden Systeme. Für das Militär ist zunächst auf die sprichwörtliche soldatischeRauheit, man kann oft sagen Rohheit, hinzuweisen, die den Leuten absichtlich oder unabsichtlich anerzogen wird. Der harte und ernste Dienst, die Strenge und Kürze des Kommandos bringen es mit sich, dass ein ganz anderer Ton herrscht, als wir im bürgerlichen Leben gewöhnt sind. Die Erfüllung der schweren Anforderungen, die an jeden gestellt werden, ist anders als durch fortgesetzte Härte nicht zu erlangen. Die geringe Rücksichtnahme auf die Persönlichkeit des einzelnen, dann die Gewohnheit an diese Schroftheiten und die Unmöglichkeit einer Reaktion stumpfen bald die eigene Empfindlichkeit ab und bewirken, dass die Behandlung, die man selbst erfährt, auch gegen andere geübt wird. Es ist erstaunlich, wie bald höchst zartfühlende und wohlgebildete Leute, die bei ihrem Eintritt ins Heer über den Ton und die Behandlung entrüstet oder erschüttert sind, es sich angewöhnen, in den gotteslästerlichsten Flüchen zu schwelgen und Rücksichtnahme auf fremde Leiden für höchst überflüssige Empfindsamkeit halten. Es ist nicht zu verkennen, dass der Beruf des Soldaten diese Sinnesart bis zu einem gewissen und nicht zu geringen Grade erfordert. Wer zu weichmütig und durch soldatische Erziehung nicht entsprechend vorbereitet ist, könnte im Ernstfalle leicht Bedenken tragen, von seiner Waffe den entsprechenden Gebrauch zu machen. Von alledem kann bei der Turnerei natürlich nicht die Rede sein. Übertriebene Weichlichkeit freilich, wie sie bei schwächlichen Naturen häufig vorkommt, wird man beim rechten Turner nicht finden. Das Bewusstsein eigener Kraft, das Gefühl der Überlegenheit über andere verleiht ihm ein festes und sicheres Auftreten. Unberechtigte Angriffe wird er mit Ruhe und Nachdruck zurückzuweisen wissen. Die unangebrachte Nachgiebigkeit, die von Juden um des lieben Friedens willen oft geübt wird, und die doch nur Missachtung zur Folge hat, findet bei uns keine Vertreter. Wir verstpofen unsere Ohren gegen die Anpöbelungen der Strasse nicht mit dem angeblichen Bewusstsein der Erhabenheit über