Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 4 (1903)
- Issue
- 5 (5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 5 81 kommenschaft aus Trinkerfamilien weniger zahlreich als aus nüchternen und zwar derart, dass dies bei jeder folgenden Generation immer deutlicher zu Tage tritt, sodass von dem ersten ausgesprochenen Alkoholiker an gerechnet die Familie schon in der dritten, vierten Generation ausstirbt, besonders wenn in der Vorfahrenreihe bei Vater und Mutter Alkoholismus vorliegt. Legrain, dem wir eine umfangreiche Untersuchung auf diesem Gebiete verdanken, ist der Ansicht, dass dieser Faktor im absynthverseuchten Frankreich bei der Volksverminderung wesentlich mitspricht. Wie solch eine Tatsache zustande kommt, kann ein Vergleich lehren, den Demme zwischen zehn Trinkerfamilien und zehn sehr massigen nach zwölfjähriger Beobachtung anstellen konnte. Die Gegenüberstellung ergiebt folgendes Resultat:*) 10 Trinkerfamilien: 10 sehr massige Familien: Gestorben . . 25 Kinder (= 43,8%) 5 Kinder (= 8,2%) Krank .... 22 „ (= 38,6%) 6 „ (= 9,9%) Gesund , . . 10 „ (=17,5%) 50 „ (= 81,9%) 57 Kinder 61 Kinder. (Unter „Gestorben" sind hierbei die Kinder aufgeführt, bei denen innerhalb der ersten Lebenswochen der Tod an angeborener Lebensschwache eintrat.) Schon diese kleine Untersuchung giebt ohne weiteres auch ein Bild von der entsetzlichen qualitativen Schädigung der Nachkommenschaft von Alkoholikern; 43,8 pCt. der Kinder erlagen einer allgemeinen Lebensschwäche; von den überlebenden waren zwei Drittel krank und zwar lagen vor Idiotismus, Zwergwuchs, Epilepsie, Wasserkopf, Missbildungen. Erwähnt sei an dieser Stelle auch noch die gesicherte Tatsache, dass auch die Zahl der Totgeburten als ein Mehrfaches des allgemeinen Durchschnitts gefunden wird, wenn die Mutter Alkoholistin ist. Unter der qualitativen Schädigung der Trinkernachkommenschaft nach der physischen Seite hin ist am weitesten verbreitet die erhöhte Disposition zu allen konstitutionellen Erkrankungen (nicht zum mindesten der Tuberkulose, deren Entstehen auch durch den individuellen Alkoholismus hervorragend begünstigt wird), zu dem ganzen Heer der Nervenkrankhelten, besonders eine angeborene Intoleranz gegen Alkohol und andere narkotische Mittel, d. h. der geschwächten Fähigkeit des Organismus die durch dieses Gift herbeigeführten Schädigungen zu Uberwinden, was hier besonders dadurch gefahrvoll wird, dass in vielen Fällen gleichzeitig ein erhöhtes Bedürfnis nach seinem Genuss besteht. Wenn diese Erscheinungen in ihren krassesten Formen auch nur bei der Nachkommenschaft ausgesprochener Trinker zu Tage tritt, so betonen gerade heute besonders Nervenärzte, dass ein gewohnheitsmässiger, sog. mässlger Alkoholgenuss ganz ähnliche Schädigungen, nur In geringeren Graden hervorzurufen imstande ist. Im einzelnen noch folgende Angaben: in welchem Umfange der Alkoholismus auf erbliche Belastung zurückzuführen sei, wird von den verschiedenen Autoren recht verschieden beantwortet, was z. T. auf den Eigentümlichkeiten des Beobachtungsmaterials beruht. - Delbrück z.B. nimmt nur 20 pCt. an, während er bei den übrigen 80 pCt. den Alkoholismus für erworben hält. Wie schon die kleine Statistik von Demme zeigte, spielen •) Zitiert nach Helenius „Die Alkoholfrage".