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Jüdische Turnzeitung · 1902-09-01 · 9 (9.1902) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
3 (1902)
Issue
9 (9.1902)
Date
1902-09-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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No. 9. 151. der einen, das verarmte und verrohte Bauerntum auf der andern Seite eingekeilt, schmachten 6oö ooo Juden. In jedem gesunden Volksleben giebt es einen Mittelstand, ja man kann sagen, er ist der wirkliche, wahre Kern des Volkes, seine Kraft und seine Stärke. In Galizien fehlt er völlig, an seiner Stelle finden sich die unglückseligen Juden. In der That sind sie der Mittelstand, der Mittlerstand zwischen Land und Stadt, zwischen Bauern und „Herren". Wohl sind sie es, aber zum Verderben des Landes und ihrer selbst! Das Land ist arm, es entbehrt fast gänzlich der Industrie, es hat keinen Binnenmarkt. In diesen 3 kurzen Sätzen ist die Verurteilung des Händlertums gegeben. Für den Handel ist kein Raum; thatsächlich waren nach der Zählung von 1890 77,78 % der Bevölkerung in Land- und Forstwirtschaft und nur 4,22 % im Handel und im Transportgewerbe beschäftigt. Und doch ist abgesehen von den jüdischen Handwerkern, die immerhin recht zahlreich sind, die weit überwiegende Mehrzahl der Juden im Hausierhandel und Kleinhandel beschäftigt. Es ist ersichtlich, dass sie einander die grausamste Konkurrenz machen, dass sie den Erwerb auf den allerniedrigsten Stand herunterdrücken müssen. Dass die Juden noch immer in Galizien fast ausschliesslich den Handel betreiben, liegt einerseits in den historischen Verhältnissen begründet, — haben sie doch durch den jahrhundertelangen Zwang, der sie ausschliesslich im Handel und — Wucher duldete, diesen Erwerbszweig förmlich von ihren Vätern ererbt, — andererseits aber in den oben kurz erwähnten heutigen sozialen Verhältnissen. , Die oberen Stände haben ein Interesse daran, die Juden in keine anderen Gewerbe hineinzulassen, sei es aus religiösem oder „ nationalem" Gegensatz, sei es, weil sie des Prügelknaben bedürfen, auf den sie jederzeit die Schuld abladen können an dem Elend der galizischen Gesamtbevölkerung. So schliesst man sie systematisch von den Gewerben und Handwerken, denen sie sich zugewandt hatten, aus. Zum Teil freilich arbeitet hieran auch mit die wenn auch noch so langsam fortschreitende Verbesserung der Verkehrsmittel, namentlich der Eisenbahnen, die zahlreiche jüdische Fuhrleute überflüssig macht. Schlimmer aber als dies wirkt die Entziehung und Monopolisierung des Salzhandels und der Propination (Braugerechtigkeit) die früher ausschliesslich in jüdischen Händen lagen, vor allem aber die Gründung rein antisemitischer Genossenschaften, vornehmlich der Kolka rolnicze, der landwirtschaftlichen Genossenschaften. Das wirklich Tragische in dieser Entwicklung ist, dass

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