Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 3 (1902)
- Issue
- 9 (9.1902)
- Date
- 1902-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 9. 150. jeder Reichsratswahl kann man beobachten, wie Bestechung und gegewaltthätige Einschüchterung der Wähler an der Tagesordnung sind und ganz öffentlich betrieben werden. Auch die jüngsten Vorgänge bei Gelegenheit des Strikes der ruthenischen Landarbeiter zeigen wieder jene mittelalterlich-feudalen Anschauungen der polnischen Schlachta. Thatsächlich ist Galizien nur dem Namen nach ein Land mit einer Verfassung. Der polnische Grossadel monopolisiert, wie ehedem, alle Rechte. Er hat es nicht nur vermocht, das Deutschtum politisch völlig zu verdrängen, es ist ihm auch gelungen, die Ruthenen, welche fast die Hälfte der Einwohnerzahl ausmachen, auf dem tiefsten Niveau wirtschaftlichen und sozialen Tiefstandes zu erhalten. Ihm und seinem gewaltigen Latifundienbesitz steht der geknechtete, völlig unselbständige Bauernstand gegenüber. Dieser ist durch die dort herrschende absolute Freiteilbarkeit des Grund und Bodens vollständiger Proletarisierung anheimgefallen. Die Parzellen und Parzellchen reichen bei weitem nicht für die Ernährung des einzelnen aus. Und dieser Prozess der Zersplitterung ist im Fortschreiten begriffen. Während im Jahre 1852 der bäuerliche Besitz in Galizien 78 888 Besitzer hatte, waren es im Jahre 1893 180 210! Diese besassen 690467 Joch, (ein Joch 0,58 ha) sodass auf den einzelnen im Durchschcitt 3,188 Joch (ca. 1,85 ha) kommen! Aber selbst dieser absolut ungenügende Besitz allein würde noch nicht das Elend der galizischen Bauernschaft bedingen, stünde nicht heute noch die gesammte Landwirtschaft auf einem unfassbar primitiven Standpunkt. Alle technischen und chemischen Hilfsmittel der modernen Agrikultur sind fasst völlig unbekannt, hinzu kommt die ererbte und gezüchtete Trägheit, der überreichliche Alkoholgenuss, die grosse Zahl der kirchlichen Feiertage (165 im griechischen Ritus), das Fehlen von Eisenbahnen und Kanälen etc. etc. Wenn man bedenkt, dass (im Jahre 1890) von einer Gesamtbevölkerung von 6 607 816 : 4 876 614 vollständige Analphabeten waren, weitere 492 080 nur lesen, nicht auch schreiben konnten, (unter den Juden giebt es keine Analphabeten!) so wird man den kulturellen Tiefstand einigermassen ermessen können. — Doch dies alles ist nicht das Elend der galizischen Juden, sondern der galizischec Bauern. Nun wohl, aber erst wenn wir dieses kennen, werden wir in Wahrheit auch den ganzen Umfang und die Bedeutung des jüdischen Elends verstehen können, werden wir begreifen, wieso es 300 000 jüdische „Luftmenschen" in Galizien geben kann. Zwischen diese beiden Stände, den Grossadel auf