Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 3 (1902)
- Issue
- 9 (9.1902)
- Date
- 1902-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4921092-5965007-5965174--0517-4921581- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 9. 152. diese antisemitische Bewegung, so verwerflich sie vom menschlichen und vom politischen Standpunkt ans erscheint, doch wirtschaftlich zweifellos die Interessen der Bevölkerung vertritt, denn dass dieser massenhafte Zwischenhandel unproduktiv und schädlich ist, kann keinem Zweifel unterliegen. Daher können wir nicht das Elend der dortigen Juden als ein vorübergehendes betrachten, als aus augenblicklichen antisemitischen Neigungen entsprungen, sondern müssen resigniert eingestehen, dass das Unheil schlimmer wird von Tag zu Tag und schlimmer werden muss — falls nicht in irgend einer Weise eine radikale Verminderung des jüdischen Zwischenhandels in Galizien herbeigeführt wird. Wie dies geschehen könnte, dies auszuführen, übersteigt den Rahmen dieses Aufsatzes. — Nach dieser wirtschaftlichen Begründung des jüdischen Luftmenschen- und Bettlertums seien noch einige wenige Details zur Illustration angeführt. Die Thätigkeit der Luftmenschan schildert der bekannte Schriftsteller S. R. Landau treffend folgendermassen: „Sie klammern sich an alles Mögliche, sie sind bald Makler, bald lernen sie Mischna, wenn jemand stirbt, bald sind sie als Cursoren Konkurrenten der Post, indem sie für 2 Krenzer einen Brief und für 5 und 10 Kreuzer ein Paket in die nächstliegenden Ortschaften befördern. Ihre physische Kraft ist wertlos, denn sie findet keinen Abnehmer. Je kleiner die Ortschaft, desto geringer die Arbeitsgelegenheit und desto grösser das Elend. Ihr erbärmliches Dasein wird nur durch den Glauben an Gott verklärt. Sie verzagen nicht, denn „Gqtt hilft schon". Und hilft Gott nicht, dann kommt der Hungertyphus und entrückt sie dem irdischen Jammerthale." Thatsächlich sind die Zustände in den kleinen Orten erheblich schlimmer als in den grossen Städten. Wohl vernehmen wir, dass von 43*000 jüdischen Einwohnern in Lemberg 20 000 der Armenverwaltung anheimfallen, dass dort täglich 700 Kinder gespeist werden müssen, aber unendlich schlimmer sieht es in den kleinen Flecken aus. Ein bekannter Schriftsteller schildert die Zustände wie folgt: „Blasse, magere, abgehärmte Menschen, die Kleider zerrissen und in Fetzen nachhängend oder zusammengenäht, gewöhnlich verschmiert mit Talg, Kalk oder andern Stoffen, oft mit Theer bestrichen, das ist das gewöhnliche Aussehen eines jüdischen Proletariers. Und solche Menschen, mit solchem Aussehen, hunderte an hunderte, tausende an tausende gereiht, wohnen in übertünchten, unregelmässigen Lehmhütten, die vom Geschrei schmutziger Kinder und von tausenden qualvollen Sorgen um das tägliche Brot erfüllt