Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turnzeitung · 1902-08-01 · 8 (8.1902) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
3 (1902)
Issue
8 (8.1902)
Date
1902-08-01
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4921092-5965007-5965173--0493-4921558
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 8. 133. Turnerei eingenommen, aber nicht aus dem von Neuendorff angenommenen Grunde, weil Heine, „dem Patriotismus ein verhasstes, ja verachtetes Wort war, ... für nationale Fragen kein Gefühl und Verständnis" besass. Schliesslich sei noch die streng genommen nicht zum Thema gehörige Frage gestreift, ob unserem Denker das Turnen zum Selbstzweck, losgelöst von jeder politischen Bestrebung, zuwider war. Einige Bemerkungen scheinen darauf hinzudeuten, dass er den Wert der Leibesübungen durchaus zu würdigen wusste. Wir begnügen uns damit die markanteste Stelle anzuführen. „Wann wird die Harmonie zwischen Leib und Seele wieder eintreten, wann wird die Welt wieder gesunden von dem einseitigen Streben nach Vergeistigung, dem tollen Irrtum, wodurch sowohl Seele wie Körper erkrankten!" Damit hat sich der Verfasser scheinbar so unumwunden zu Gunsten der Pflege der Leibesübungen ausgesprochen, dass man fast Neuendorff zustimmen möchte, „dass Heine auf Grund allgemeiner Erörterungen die Bedeutung der Leibesübungen wohl anerkannte. Nun finden sich aber in Heines Werken Betrachtungen, die dem Sinne des oben zitierten Satzes schnurstraks zuwiderlaufen. Wir wollen wiederum nur eine Stelle auswählen: „Und gar die blassen italienischen Gesichter, in den Augen das leidende Weiss, die Lippen krankhaft zärtlich, wie vornehm sind sie gegen die steif britischen Gesichter mit ihrer pöbelhaft roten Gesundheit! Das ganze italienische Volk ist innerlich krank, und kranke Menschen sind immer wahrhaft vornehmer als gesunde; denn nur der kranke Mensch ist ein Mensch seine Glieder haben eine Leidensgeschichte, sie sind durchgeistet." Diese von Neuendorff übrigens wohl berücksichtigte Stelle könnte sich ein Verein von Sport- und Turngegnern als Leitwort ausersehen. Heine giebt uns wieder einmal ein Rätsel auf. Mir scheint, dass er weder für noch gegen die Pflege körperlicher Kraft und Gewandtheit eingenommen war, dass demnach weder Mühlhausen noch Neuendorff im Recht sind, wenn sie Heine Abneigung bezw. Verständnis für körperliche Bethätigung zusprechen wollen. Die Bedeutung dieses Problems zu untersuchen kam Heine gar nicht in den Sinn, das lag ausserhalb seines Gedankenkreises. Wir haben es mit gelegentlich hingeworfenen Gedanken zu thun, nicht mit einer festen Meinung des Dichters.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.