Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 3 (1902)
- Issue
- 8 (8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 8. 132. judentum reklamiert wird. Und fürwahr, wenn man sie liest, jene Stellen, die der jüdische Dichter mit seinem Herzblut, bald in lodernder Begeisterung, bald in starrer Resignation geschrieben hat, wenn man sie mitfühlt, jene innig-stolze Freude Heines an der grossen Vergangenheit des uralten, ewig jungen Stammes und seinen tiefen Schmerz über die erniedrigende Schmach, die ein herbes Schicksal auf die gegenwärtigen Trümmer des einst so festen Hauses Israel gelegt hat — fürwahr, wenn der Leser einen Widerhall jener Klänge verspürt, die himmelhoch jauchzend zum Tode betrübt der Dichterbrust entströmten — dann wird ihm die Empfindung werden, als hätte Heine eine jener Harfen angestimmt, die die Juden vor vielen vielen Jahren trauernd an die Weiden hingen, als sie an den Wassern Babels sassen und weinten. . . . Heines Stellung zur Frage des Nationalismus ist ebenso schwer zu erkennen wie seine wahre Ansicht über die Religion. „Die Wallfahrt nach Kevlaar" hätte den gläubigsten Katholiken zum Verfasser haben können, so rein ist das Gedicht, so frei von jedem bei Heine nur zu häufigem Missklang. Und doch war Heine kein Katholik, ganz im Gegentheil hat er den Katholizismus heftig befehdet. Als Dichter hatte er aber ein feines Verständnis für die rührend hingebungsvolle Frömmigkeit einfacher Menschen. Des Rätsels Lösung scheint mir darin zu liegen: Heine hat nie eine rein empfundene Religion und deren lautere Priester angegriffen, sondern die gleissnerischen Pfaffen und Heuchler, die mit religiösen Mitteln weltlich-egoistische Ziele verfolgten. Er hat -nicht die Religion, wohl aber deren Karrikierung bekämpft. Das hat er freilich gründlichst besorgt. Dasselbe gilt für den Nationalismus und Patriotismus. Ich muss es mir versagen, auf diesen Punkt ausführlich einzugehen, um nicht den Rahmen dieses Aufsatzes zu überschreiten. Nur das eine soll gesagt werden: Eine enge Auffassung von Volkstum und einer Vaterlandsliebe, die nicht über die eigenen Grenzpfähle hinausdenkt und zu dem schönen und reinen Gefühl, die nationale Eigenart liebevoll zu pflegen, Hass und Verachtung gegen das Fremde hinzuthut, konnte nicht nach dem Geschmack unseres Dichters sein. Ein solcher Nationalismus wäre von ihm als Pfahlbürgertum empfunden und kübelweise mit Satire übergössen worden. Die deutschen Turner und ihre das unverfälschte Urteutonentum betonenden Führer erschienen Heine als Chauvinisten, die über das Ziel weit hinausschössen; deshalb war er gegen die deutsche