Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 3 (1902)
- Issue
- 6 (6.1902)
- Date
- 1902-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 6. 96. Turnen als ein wesentliches Mittel zur Hebung der körperlichen und sittlichen Kräfte unseres Volkes und für die Idee, dass wir Juden „eine auf gemeinsamer Abstammung und Geschichte, nicht nur auf religiöser Tradition beruhende Gemeinschaft darstellen, welche mit charakteristisch-geistiger wie seelischer Eigenart begabt, bis auf den heutigen Tag ein reges Bewusstsein ihrer Zusammengehörigkeit bewahrt hat und auch für die Zukunft erhalten will". Glied einer^ derartige Zwecke verfolgenden Gemeinschaft zu sein, weckt berechtigtes Selbstbewusstsein und zwingt die der Sache Fernstehenden, Juden und Christen, die ohnedies leicht die sporadische Thätigkeit des Einzelnen als Sonderlingsschrullen belächeln könnten, zur Beachtung und Achtung. So ergiebt sich von selbst der ungeheure Nutzen und die Notwendigkeit der Organisation im allgemeinen. Zwei spezielle Fragen stehen bei der Erörterung der Verbandsfrage im Vordergrunde. Die eine beschäftigt sich mit der Tendenz, die andere mit der räumlichen Ausdehnung des Verbandes. Die jüdische Turnbewegung ist ein Produkt des wiedererwachten jüdischen Nationalgefübls; die jüdischen Turnvereine und der zu gründende Verband, das Substrat dieser Bewegung, würden sich selbst verleugnen, wollten sie dieses Verhältnis nicht anerkennen. Damit erklären wir aber offen, dass das Turnen uns nicht blosser, idealer Selbstzweck, sondern ein Mittel zu einem weit höheren Ziele, zur Gesundung unseres Stammes, sein soll. Diese Basis erscheint uns breit genug, um alle Untergruppen des Nationaljudentums vereinigen zu können. Mit der Aufnahme der national-jüdischen Idee gewinnt der Verband ein gewisses politisches Gepräge, aber nur ein gewisses. Denn ein eigentlich politisches Programm ist es nicht, das wir aufstellen, da die zum Begriffe des Politischen erforderliche Absicht, auf den Staat und dessen Einrichtungen einzuwirken, fehlt. Trotzdem genügte schon dieses, um Allzuängstliche zu veranlassen, dringlichst von einer, über mehrere Länder greifenden Organisation abzuraten. Andere führen andere Gründe an: die Interessen der jüdischen Turnvereine mehrerer Länder seien zu verschieden; man müsse vom Kleinen zum Grossen übergehen und daher erst mit der Schaffung von Landesorganisationen beginnen; eine mehrere Länder umfassende Organisation könne wegen der zu geringen Anzahl der Vereine nichts Bedeutendes schaffen und würde unendlich viel Arbeit und Kosten verursachen.