Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 3 (1902)
- Issue
- 6 (6.1902)
- Date
- 1902-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 6. 90. ist. Die überreiche Zufuhr von Kohlehydraten letft dem Körper die schwere Last ihrer Verarbeitung auf, welche seine Kraft unnütz konsumiert. Diese Kraft aber ist in erster Reihe abhängig von dem Bestand an Körpereiweis. Die Entwickelung der Muskulatur des Individuums ist vor allem bestimmend für das Mass der Kraft- und Arbeitsleistung, die es zu vollbringen vermag. Die Disposition zu hervorragenden Leistungen auf diesem Gebiete ist deshalb in der Regel durch die ererbte und angeborene natürliche Anlage des Organismus gegeben. Ein Säugling mit schwach entwickelter Muskulatur und schlechtem Ernährungszustand wird niemals ein körperlicher Athlet werden. Ein gewisses Depot von Muskeleiweis ist deshalb die unveräusserliche Vorbedingung für die Kraftleistung. Ähnlich ist das Verhältnis der Nahrung zur Dauer der Muskelarbeit. Auch sie ist ebenso wenig als die Energie der einzelnen Muskelleistung abhängig von der Art der Ernährung oder wahrscheinlich der Nahrung überhaupt. Die Ausdauer bei der Muskelarbeit ist in viel geringerem Grade eine Funktion der Muskeln als des Gehirns. Der ernste Wille, die Selbstbeherrschung und die Selbstzucht sind hier bestimmend. Aus diesen Vorbemerkungen ergiebt sich wohl bereits zur Genüge, dass sich eine wissenschaftliche „Diätetik für Leibesübungen" nach dem gegenwärtigen Stande unserer Physiologie überhaupt nicht geben lässt. Auch auf diesem Gebiete der praktischen Ernährungslehre spricht fast ausschliesslich die Erfahrung das entscheidende Wort. Die Empirie aber hat bisher gelehrt, dass hervorragende körperliche Leistungen bei jedweder Ernäbrungsart ausgeführt werden. Die Geschichte aller Sportarten weist dafür zahllose Beispiele auf: beim Rudern, Schwimmen u. dgl., vor allem aber beim Radfahren sind die grosse Mehrheit der Besten, der üblichen durchschnittlichen Volksernährung entsprechend, stets Fleischesser bez. Gemischtesser. Dass auch zuweilen Vegetarier darunter sind, wird garnicht geleugnet. Die einzige logische Schlussfolgerung aber, die man daraus ziehen kann und darf, ist höchstens eine diätetische Ebenbürtigkeit der Pflanzennahrung. Dieses Zugeständnis ist in Anbetracht der Geringschätzung, in welcher der Vegetarismus in weiten Kreisen des Volkes wie auch im wissenschaftlichen Urteil im Allgemeinen heute noch steht,' ein sehr wesentlicher Fortschritt für die Anerkennung dieser Ernährungsform, mit welcher sich die Vegetarier genug sein lassen sollten!