Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 3 (1902)
- Issue
- 5 (5.1902)
- Date
- 1902-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 5. 86. Aber in den kleinen Erzählungen und Gedichten, so einfach sie waren, griff ein seltsam Lebendiges an sein Herz und er fühlte ein Verwandtes in sich wiederklingen und die Gestalten verwoben sich in seinem Traum und kreisen um den einen strählenden Punkt seiner Sehnsucht." Als er aber verhöhnt und gestossen war, verlassen von den Knaben, verurteilt von dem Vater zu Tage Und Nächte langem Lernen, da trat ihm das Schicksal seines Volkes vor die Seele: „Die durch Jahrtausende angesammelte Trauer und Klage vom Glücke Verbannter um ein unwiederbringlich Verlorenes, das niemand kannte, drang zu ihm aus den alten Büchern, mit denen er lebte, und seine eigene Hilflosigkeit fand einen schmerzlichen Trost, in jenes allgemeine Weh zu versinken, dem er sich zugehörig fühlte und nicht wusste, warum." Nirgends ist in dem Büchlein ein lehrhafter Ton angeschlagen, der die reizvolle Poesie getrübt hätte: und doch spricht es zu uns, welche die Regeneration unseres Volkes beschäftigt, wie ein grosses Lehrjgedicht. Der Dichter hat freilich durch den Tod des kleinen Helden dem Romane dort ein Ende gesetzt, wo der Arzt das unter dem Drucke einer trostlosen Öde des äussern Lebens wuchernde Phantasiegetriebe allmählich einlenken sehen musste in krankhafte Irrgänge .des Geistes. v , In meiner oben angezogenen Schrift habe ich die pathologischen Gefahren gezeichnet, welchen das Seelenbinnenleben solcher phantasiebegabter unverstandener Kinder zusteuert. Aber, abgesehen von solchen pathologischen Erscheinungen, spricht die Tragik der in jenem freudlosen Milieu aufwachsenden, innerlich aber über die Öde und Dumpfheit desselben sich hinaussehnenden und hinauswachsenden Kinder beredt genug aus jeder Seite des Frisch'schen Buches. Man hat den Vertretern der neujüdischen Renaissancebewegung, insbesondere den Ärzten unter ihnen es böse verdacht, wenn sie in ihrer Kritik der Notlage unseres Volkes und in ihren Bestrebungen zur Hebung der letzteren nicht Halt gemacht haben vor den Chedern des Ostens. Das Erziehungssystem, welches sich an das Wort Cheder knüpft, aber durch dasselbe noch nicht in allen seinen Teilen gezeichnet ist, lässt, wie es kein Verständnis im Physischen Sinne für Luft und Licht hat, keinen Raum für die Entwicklung einer freien Individualität. Nachsichtslos zerstört es