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Jüdische Turnzeitung · 1902-05-01 · 5 (5.1902) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
3 (1902)
Issue
5 (5.1902)
Date
1902-05-01
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
Belongs to
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N». 5. 84. auch der strenge Vater ihn erfahren wird, steigert sich. Leo gerät, indem er in einem verrufenen Gesellen Hilfe gegen den verräterischen Freund suchen will, auf Abwege, er wird nachlässig, faul, immer verstockter, die Strafen und Misshandlungen des Vaters, der ihn zu rastlosem Lernen antreibt, mehren sich. In einem Luftkurort, wo sich seine Mutter aufhält und wohin der Knabe auf Drängen der Verwandten geschickt wird, findet sein Hang nach Freiheit und Schönheit in der herrlichen Natur Befriedigung und in der Gestalt des schwindsüchtigen Dichters und Phantasten Markus tritt ihm das, was er als höchstes unbewusst gesucht, — die Kunst verkörpert entgegen. Aber das Verhängnis trifft ihn hier wieder, als sein Freund aus der Stadt ebenfalls aufs Land heraus kommt und Leos Geheimnis auch hier verraten will. In rasender Wut schlägt Leo den Verräter nieder, seine Mutter reist mit ihm nach Hause, das freudlose Haus, der düstere Cheder umfängt ihn wieder, aber nicht lange, die körperliche und geistige Zerrüttung wirft den Knaben aufs Krankenlager, nach ein paar Fiebertagen stirbt er, bis zu seiner letzten Minute das Traumleben fortführend. Der Dichter hat in der ganzen Erzählung den tiefen Schacht des kindlichen Seelenlebens fast ausgeschöpft und was wir uns in trocknen Regeln der Wissenschaft bannen konnten, dem gab er Form und Ausdruck in herrlicher Poesie. Der Verfasser lässt uns auch einen Blick in das warme Phantasieleben des Knaben thun, das ihn schon vor der Verlöbnisgeschichte, auf seinen einsamen Spaziergängen, in den einförmigen Chederstunden begleitet. Während des trocknen Unterrichts sieht er das, was in der alten talmudischen Lehrweise vorgetragen wird, farbenreich und plastisch, das Synhedrion taucht vor seiner Seele auf; wo der Lehrer einmal mit allem Raffinement die Fragen der Scbadloshaltung deutet, da stellt dem .Knaben die üppige Einbildungskraft eine leibhaftige Gerichtssitzung vor das geistige Auge. Die Phantasie erhielt reiche Nahrung aber aus der Lektüre der kleinen weltlichen Bücher seiner Schwester, die er heimlich las. „Die Bibel war heilig und unantastbar, die Gesetze waren streng und furchterregend und die Kommentare waren klug, aber auch beilig. Durch den Wust aller seltsamen Darlegungen konnte er zu keinem einfachen Gefühle durchdringen. Auch Welt und Menschen der Vergangenheit waren Schattenbilder, gefallen, verzerrt durch eine falsche Überlieferung.

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