Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 3 (1902)
- Issue
- 5 (5.1902)
- Date
- 1902-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 5. 83. fortschickt mit einem Brieflein an ihren Geliebten, einen Leutnant, da küsst sie in süsser Erregung und Erwartung den kleinen Vetter auf den Mund. Und dieser Kuss ward sein Verhängnis. Um dieses Erlebnis spinnen und ranken sich jetzt Träume im Schlafe und im Wachen und diese Träume verwebt die Phantasie zu einem reichen Binnenleben voll Glanz und Poesie, das neben dem eintönigen wirklichen Leben im Verborgenen durchlebt wird. Selten hat eine Feder dieses Seelenbinnenleben ergreifender geschildert als die Ephraim Frischs: „Der Traum Oberwucherte allmählig den Tag und seine Kümmernisse. Er war froh, wenn der Tag sank und die Nacht kam, in der Nacht sprang ihm alles Verhaltene wie ein Quell auf, er streckte die Arme aus und vo^ seinen Lippen troffen unbewusst die Worte, süss und thöricht." Auch dit Entfernung des Gegenstandes seiner Träume, der Kousine, die sich taufen und entführen Hess, änderte an dem Glücks- und Liebestraum nichts, sie gab ihm nur neue Nahrung. Wohl behütet und verschlossen wird das Innenleben, schweigsam und trotzig erscheint der Knabe den Seinen, die ihn nicht verstehen und verstehen können, und wenn des Vaters jäher Eifer über den das „Lernen" vernachlässigenden Sohn in Schelte und Misshandlung sich entlädt, so wird um so gieriger Ersatz gesucht in dem Reichtum und in der trunkenen Schönheit der süssen Traumgebilde. Der Autor bewährt sich als ein Kenner der kindlichen Seele im höchsten Masse, wenn er weiter zeigt, wie das Geheimnis ihn zu drücken beginnt: er war mit seinem Baue fertig und wusste nichts weiter.. Da überschleicht ihn die Sehnsucht, von seinem Geheimnis zu reden, und nach einem leisen, misslungenen Versuche, der Schwester davon zu sprechen, entdeckte er sich und sein Geheimnis seinem Freunde, einem verdorbenen, frühreifen Jungen — er erzählt zaghaft und stockend die fingierte Geschichte seiner Verlobung, das Produkt seiner Träume, die mit den Worten schliesst: ich habe sie geküsst Auf die Preisgabe des Geheimnisses folgt eine lange Scham, eine peinigende Unruhe, dass der leichtfertige Kamerad es weiter erzähle — und doch drängt es ihn immer wieder, dem einzigen Mitwisser des Geheimnisses davon zu sprechen. Die Geschichte, deren psychologische Entwicklung nun ihren Höhepunkt erreicht hat, ist bald erzählt. Der Freund erzählte das Geheimnis den Chederjungen weiter, welche den herrlichen Traum in grausamem Hohn verspotteten. Die Angst, dass