Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 3 (1902)
- Issue
- 5 (5.1902)
- Date
- 1902-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 5. 82. Eine solche problematische unverstandene Kindesnatur ist der Held des vorliegenden Romans. Leo Braun. Der zarte Knabe wächst auf, sein Leben teilend zwischen dem Besuche des Cheders und dem Aufenthalte in einem Hause, dessen Herr mit gewaltiger Strenge die spezifische Geistesdressur des Knaben überwacht und dessen unfreundliches Wesen den düsteren Ton im Hause schafft. Als ich obengenannte Abhandlung schrieb, legte ich ihr nur Erfahrungen zu Grunde, die ich im Bereiche meines westeuropäischen, meist arischen, Milieus gesammelt hatte. Seitdem Hessen mich viele der von Ost nach West freiwillig oder unfreiwillig verschlagenen, nach Wissenschaft und Lebensschönheit dürstenden jüdischen Jünglinge durch Offenbarung ihres inneren Werdeganges ahnen, dass in der Ghetto- und Chederluft des Ostens oft Knaben heranwachsen, die, mit Phantasie begabt, die Schranken der dumpfen Lehrstube und der tristen Häuslichkeit mit dem kühnen Schwünge der Einbildungskraft überfliegen. Dem Dichter Ephraim Frisch war es vorbehalten, alle diese verhaltene Sehnsucht, dieses verborgene Träumen derer, die in jener freudelosen Sphäre aufwachsen, mit einem Meistergriffel zu zeichnen. Seine Worte muthen uns an wie ein Selbstbekenntnis, wie eine Offenbarung eigenen inneren Lebens und Erhebens. In einer virtuosen Kleinmalerei hat er die Entwicklung des wogenden Binnengetriebes in der kindlichen Seele ebenso schön, wie psychologisch wahr und scharf durchgeführt. Die heimliche Sehnsucht nach Freiheit und Schönheit treibt den Knaben aus Schule und Haus, wo er beide nicht findet, hinaus in die Einsamkeit des Flusses, wo er seine Augen schweifen lässt auf die weite Landschaft und seine Seele über diese hinaus. Und als er einmal badet in dem Flusse mit Kameraden, da erblickten diese badende Mädchen und riefen es Leo zu: und dieser taucht beschämt unter, aber sein Blick hat flüchtig und verschwommen noch das Bild erhascht — und ein leises Dämmern steigt in ihm auf von einer Schönheit, die ihm noch verborgen ist, die des Weibes. Mit einer selten diskreten Zartheit hat der Dichter dies nur angedeutet; als der Knabe aber nach Hause ging, da „spielte vor seinen Augen ein weisser, schimmernder Glanz, der blasser und blasser wurde." Aber all das, was er ahnt und bange fühlt von Freiheit und Schönheit, das tritt ihm in leibhaftiger Gestalt entgegen in seiner Kousine. Als sie den Jungen