Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 3 (1902)
- Issue
- 5 (5.1902)
- Date
- 1902-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 5. 81. FEUILLETON. Der Roman eines Judenknaben. Von Dr. Julius Moses (Mannheim). ^^eulich bekam ich den Roman von Ephraim Frisch „Ein Verlöbnis" zu Gesichte. An dem Buche des mir unbekannten Autors reizte mich der Zusatz zum Titel „Geschichte eines Knaben" und ich griff danach, . weil ich einen Beitrag erwartete zu der von mir seit Jahren gepflegten Psychologie des Kindes. Bei der Lektüre verschmolz mir die wissenschaftliche Befriedigung mit der ästhetischen, die mir aus der Schönheitsfülle des Büchleins ward, zu einem selten harmonischen Geniessen. Dazu — der kleine Held der Erzählung ist ein Jude, jüdisch ist das Milieu, jüdisch ist und fühlt der Autor. Es fällt mir auch heute, wo ich einige psychologische Betrachtungen über das Werk anstellen will, sehr schwer, den in künstlerischer Hinsicht, wie in seinem jüdischen Empfinden dankbar Empfangenden hinter dem psychologischen Analytiker zu verbergen. Vor einigen Jahren Hess ich eine kleine Schrift erscheinen, betitelt „Vom Seelenbinnenleben des Kindes," indem ich die Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit des bei vielen Kindern unter der Oberfläche des sich nach aussen kundgebenden Seelenlebens in den verborgenen Tiefen der Seele abspielenden Phantasielebens nachzuweisen und zu skizzieren suchte. Üppig entfaltet sich ein solches „zweite Leben" (second life) bei solchen phantasiebegabten Kindern, bei denen das wirkliche Leben arm ist an frohen Ereignissen, bei schüchternen Kindern, bei Kindern aus sozial schlecht gestellten Kreisen, bei Kindern mit harter, unfreundlicher Erziehung. Die Vorstellungen von erdichteten Erlebnissen und Thaten der eignen Person, welche ungern der Öffentlichkeit preisgegeben werden, verdichten sich zu einem eigenen Binnenleben der Seele; die Phantasie schafft dort ein Paradies, wo das wirkliche Leben weit von einem paradiesischen Zustande entfernt ist. „Derartige Kinder, sagte ich dort, erscheinen nicht selten als problematische Naturen. Ihren Angehörigen werden sie entfremdet, weil sie bei ihnen vermissen, was sie in ihrem Traumleben finden."