Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 3 (1902)
- Issue
- 5 (5.1902)
- Date
- 1902-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 5. 77. würdigt, dauert es eine geraume Zeit, bis sie sich in die tiefsten Volksschichten senken und schliesslich Gemeingut der Menschheit werden. Dass diese Zeit für die Erkenntnis der Notwendigkeit weiblicher Gymnastik doch bald käme! Es muss und wird die Zeit kommen, in der man nicht wird verstehen können, dass die Forderung geregelter Leibesübungen für das weibliche Geschlecht mit ebenso spöttischem wie dummem, weil ungerechtfertigtem, Achselzucken beantwortet wurde. Glücklicherweise hat sich der Gedanke bereits in weite Kreise gedrängt, dass das weibliche Geschlecht mindestens in demselben Masse der Leibespflege durch körperliche Übungen bedarf wie das männliche; glücklicherweise können wir auch heute über den Vorwurf der Unweiblichkeit und Unschicklichkeit zur Tagesordnung übergehen. Wer derartige Anschuldigungen zu erheben sich erdreistet, der hat von einem geregelten Mädchenturnunterricht entweder keine Ahnung oder — es ist mit seiner eigenen Moral nicht ganz richtig. Ja, das weibliche Geschlecht bedarf der Leibesübungen in noch höherem Masse wie der Knabe und Jüngling, die sich in wilden, ungebundenen Spielen nach Herzenslust in Luft und Licht austummeln können und sich dadurch ein Gegengewicht gegen den Schulunterricht mit seinem schädigenden Einfluss auf den Körper schaffen, während das Mädchen häufig schon in früher Jugend dazu verurteilt ist, über Handarbeiten zu sitzen, von denen man nicht gerade behaupten kann, dass sie dem zarten Körper zuträglich sind. Wird es älter, so widmet es seine „freie Zeit" der, Lektüre, quält sich und andere mit Musikstudien, erlernt Sprachen, treibt Malerei und darf dann zur Erholung von diesen Strapazen auf der Hetzjagd nach „höherer Bildung" auf den Spaziergängen recht ehrbar und gemessen neben den Eltern oder der Erzieherin hergehen oder sich in Sälen langweilen, deren Atmosphäre kaum noch Luft genannt werden darf. Vorzeitig werden die jungen Mädchen auch zum Tanz geführt — ist dies doch ein wichtiger Teil der Erziehung zur „Dame" —, ohne dass die Eltern daran denken, dass „der moderne Gesellschaftstanz mit seinen stürmischen, rasenden Bewegungen in den Rundtänzen bei berauschender Musik, blendendem Gaslicht, erregter Phantasie in überfüllten heissen Räumen, tief in die Nacht hinein, nicht geeignet ist, gesundheitliche und pädagogische Zwecke zu fördern, er vielmehr häufig genug die Quelle dauernder Gesundheitsstörungen