Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 3 (1902)
- Issue
- 4 (4.1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4. 66. Neben diesen Übungen, die er in die Turnkunst einreiht, weil sie „das Leben nicht nur kräftigen sondern auch veredeln und verschönern helfen", will er das Geräteturnen nicht vernachlässigt sehen. Nun, nachdem ein solcher Mann den Boden für das Mädchenturnen geebnet hatte, gewann es an Ansehen und Verbreitung. Es sollte die Leitung in die Hände von Männern und Frauen gelegt werden, deren turnerisch-wissenschaftliche Vorbildung die Garantie für eine erspriessliche Thätigkeit leisten konnte, und so entstanden die Kurse für Turnlehrer und Turnlehrerinnen. Trotz aller Förderungen des Mädchenturnens durch Männer wie Eiselen, Kluge, Karl Raaz — seiner Zeit den einzigen Leiter einer Privatmädchenschule, der das Turnen in seiner Anstalt zu einem obligatorischen Lehrgegenstande machte —, Angerstein, Fleischmann, Euler, Minister v. Gossler, Weber, Kloss, der das erste grössere Werk über „Weibliche Turnkunst" verfasste, Bier, Lion, Zettler, Maul, Wassmannsdorff, Marx, Hermann u. a. gelang es nicht, das Turnen in den Mädchenschulen obligatorisch zu machen, wenn es auch in den meisten höheren Mädchenschulen und den Volksmädchenschulen der grösseren Städte geübt wird. Von Hamburg, Lübeck und Bremen ist rühmend hervorzuheben, dass es dort in allen Mädchenschulen (seit 1886 in allen Klassen) obligatorischer Unterrichtsgegenstand ist. Jetzt geht ein lebendiger Strom durch unsere Frauenturnbewegung. Die der Schule entwachsenen Mädchen erkennen zu ihrem Vorteil immer mehr, welchen Segen regelmässige Leibesübungen mit sich bringen. Sie treiben entweder einseitigen Sport, der zwar ins Freie hinausführt, meistens jedoch ein Vorrecht der begüterten Klassen ist, oder sie wenden sich dem allseitig den Körper bildenden Turnen zu und treten Turnvereinen bei, die entweder Abteilungen von Männerturnvereinen oder selbständige Frauenturnvereinigungen und bereits in ansehnlicher Zahl vorhanden sind. Ein Blick auf unsere Nachbarstaaten zeigt uns die wachsende Bedeutung, die man überall dem Mädchen- und Frauenturnen beimisst. Nur in Österreich ist als ein Rückschritt zu beklagen, dass das 1874 obligatorisch gewordene Mädchenturnen 1883 wieder aufgehoben wurde — trotz der Verbreitung einer Preisschrift des österreichischen Turnlehrervereins: „Über Nutzen und Wert des Mädchenturnens" von Dr. Hans Brendicke-Berlin.