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Jüdische Turnzeitung · 1902-04-01 · 4 (4.1902) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
3 (1902)
Issue
4 (4.1902)
Date
1902-04-01
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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No. 4. 65. solches Buch. Man sah ein, dass Diesterweg mit seiner Behauptung Recht hatte, die Mädchen seien mit häuslichen Arbeiten aberlastet, für sie seien Leibesübungen notwendiger wie für Knaben. Wer dagegen Einspruch thue „von Seiten der Weiblichkeit, der zarten Sitte, der Vornehmheit und anderer Erfindungen verrückter Köpfe und blasierter Verbildung", der verdiene keine Entgegnung. Die Antwort auf solche Worte war die praktische Befolgung des Rates, den Mädchen den günstigen Einfiuss von Leibesübungen zuteil werden zu lassen. Da nun eine brauchbare Verarbeitung des Übungsstoffes fehlte, und die Leitung der Übungen häufig in den Händen von Männern lag, denen aus Unkenntnis die Rücksichten, die der Bau des weiblichen Körpers und seine physiologischen Funktionen erfordern, ebenso fremd waren wie die Rücksichten auf Ästhetik, Sittsamkeit und Taktgefühl, so verstehen wir, dass dieses nach Knabenart betriebene Mädchenturnen für den weiblichen Organismus nicht gerade günstig gewesen sein wird. Unter diesen Verhältnissen fehlten natürlich die Bedingungen für eine gedeihliche Entwickelung des Mädchenturnens. Die Eltern, die ihren Töchtern zwar gern den Genuss geregelter Leibesübungen gewähren wollten, andererseits jedoch die Schädigungen des unangemessenen Betriebes fürchteten, Hessen an Stelle des Turnens Exercierunterricht — meistens von Unterofficieren geleitet — treten, durch den wenigstens eine gute Haltung und einige Körperkraft gewonnen wurde. Gerade zu dieser Zeit erschien ein Mann, der für das Mädchenturnen das werden sollte, was Guts Muths für das Turnen der männlichen Jugend war: Adolf Spiess. An der Pestalozzischen Schule zu Burgdorf (Kanton Bern) als Lehrer thätig, trafen bei ihm alle jene Eigenschaften zusammen, die ihn zum Bahnbrecher auf dem Gebiete des Mädchenturnens, zu seinem Begründer bestimmten. Als Pädagoge und Denker ebenso tüchtig wie als Turner und Musiker, paarte sich bei ihm herzliche Liebe zur Jugend mit Begeisterung und Phantasie — ein geeigneterer Mann hätte sich schwerlich gefunden. Er war der Schöpfer unserer Freiübungen, die er aus den Pestalozzischen Gelenkübungen entwickelte und die zu dem eisernen Bestände unseres beutigen Turnbetriebes gehören. Zu ihnen gesellte er die Ordnungsübungen und Reigen mit Musik, Übungen, die wegen der gleichzeitigen Beteiligung vieler und des Vergnügens der Jugend an gemeinsamen Darstellungen wichtig sind. Sie sind die Grundlage des Mädchenturnens geworden.

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