Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 3 (1902)
- Issue
- 3 (3.1902)
- Date
- 1902-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4921092-5965007-5965167--0379-4921448- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 3. 45. Sekretär des Sultans, telegraphierte und Hess die Kolonisten an den Sultan telegraphieren und um Gnade flehen. Ich erhielt Auch die schönsten Versprechungen, es sei die allereinfachste Sache von der Welt, am nächsten Tage würde das Irade dem Sultan zur Unterschrift vorgelegt werden, ich wartete und wartete bis schliesslich meine Zeit um war, — die Unterschrift ist bis heute nicht eingetroffen, und zweifellos hat der Sultan nie etwas von der Sache erfahren. Unterdessen konnte man die Leute doch nicht verhungern lassen. Da ich selbst durch die Unterstützung der Kolonisten von Sazelar und Dabkis finanziell stark in Anspruch genommen war, suchte ich andere für die Kolonie Caraja zu interessiren, schliesslich gelang es denn auch, soviel Gelder zusammenzubringen, um den Versuch wagen zu können, auch Caraja zu halten. Ein deutscher Landwirt, den ich im Frühling mit nach Anatolien genommen hatte, war dort geblieben und installierte die tauglichen Kolonisten; bald gelang es auch die in der Stadt Eskischehir festgehaltenen, zur Kolonisation untauglichen Elemente fortzusenden, etwa 40 Familien, während nicht weniger als 53 Familien in Caraja installiert werden konnten. Auch Sazelar hatte sich unterdessen durch Zuzug von Verwandten aus Rumänien und einigen Familien aus Eskischehir auf 28 Familien gehoben, Dabkis war auf 19 Familien Kestiegen, so dass augenblicklich wieder ca. 100 Familien mit etwa 500 Seelen in den drei anatolischen Kolonien leben. Die aufgegebene Kolonie Kefkend wurde nicht wieder reorganisiert, was auch nicht nötig ist, da die bulgarischen Juden bei weitem nicht so unterdrückt werden wie die rumänischen. Die Malaria erwies sich in diesem Jahre in Folge besserer Wohnungen und besserer Ernährung, einiger hygienischer Massregeln und rechtzeitiger Chiningaben selbst in Caraja als bei weitem nicht so gefährlich, wie man nach den Erfahrungen von 1900 annahm; während in jenem Jahr mindestens 28 Todesfälle der Malaria oder der Combination von Malaria und schlechter Ernährung zugeschrieben wurden, so hatte Caraja in diesem Jahre keinen einzigen Todesfall an Fieber zu beklagen. Die Leute sind nach den Berichten der Administratoren in sämtlichen Kolonien fleissig bei der Arbeit, die Zahl der untauglichen Elemente ist eine sehr geringe, und es ist zu hoffen, dass, wenn die nächste Ernte nicht missrät, sämtliche drei Dörfer schon im Herbst auf eigenen Füssen stehen oder doch nur noch ganz geringe Vorschüsse erfordern werden.