Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 3 (1902)
- Issue
- 2 (2.1902)
- Date
- 1902-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 2. 31. finden. Was die Förderung des nackten Körpers bei körperlichen Übungen betrifft, so kommt das Schwimmen diesem Ideal am nächsten. Ganz abgesehen von dem ästhetischen Wert des Nacktturnens im Freien, machen Licht und Luft ihren gesundheitlichen Einfluss auf den Körper geltend. Und wie notwendig haben wir einen solchen Faktor gegenüber der Nervosität, der Bleichsucht und dem Würgeengel Schwindsucht. Es ist nicht nur ein wohliges Gefühl, das der Mensch empfindet, wenn er sich der Sonne entgegenreckt, es ist eine wissenschaftliche Thatsache, dass Licht und Luft zwei für die Erhaltung und Erzielung der Gesundheit überaus wichtige Faktoren sind. Bei der Bedeutung dieser Frage für die Volks - gesundheit einerseits und der vorläufigen Unmöglichkeit des Nacktturnens im Freien andererseits müssen wir nach einem Auswege suchen. Und dieser Ausweg heisst: Meidet die Hallen, die zwar bei unserem Klima durchaus notwendig sind, so viel wie möglich. Ziehet hinaus ins Freie und spielt. Pro patria est, dum ludere videmur. Die Gesundheit, die wir durch das Spiel erlangen, sie kommt der Gemeinde, dem Staate zu Gute. Und der Staat möge beachten: Was er für Spielplätze ausgiebt, spart er an Krankenhäusern. Wenn auch der Spielerlcss v. Gossler vom 27. Oktober 1882 das Spielen in den Schulen dringend empfiehlt, so sehen wir andrerseits, wie dem Spiel noch lange nicht die genügende Beachtung geschenkt wird, ja, wie. sogar Spielplätze in der Stadt Mietskasernen Platz machen müssen. Es ist sichtbar für jeden, der mit offenen Augen durchs Leben schreitet, dass die verfeinerte Kultur, das Hasten und larmeude Treiben dif* Grossstadt, die geistige Überanstrengung der Jugend — dass sie alle die Gesundheit untergraben. Wo das Gegengewicht körperlicher Bethätigung im Freien fehlt, führen sie zu einer Schädigung des menschlichen Organismus, wie er uns besonders in den Kreisen der Gebildeten entgegentritt. Und die Gesundheit des Volkes ist ein Born ewiger Kraft. Gebt nur dem Volke seine Spiele — es wird euch danken. Ein weiterer, wesentlicher Gesichtspunkt kommt hinzu. Der Spieltrieb, als ein Teil des Bewegungstriebes dem Menschen angeboren, muss genährt werden. Hier ist auch der Hebel zur Hebung des Interesses für die Leibesübungen anzusetzen. Die antike Gymnastik bildet einen notwendigen Bestandteil des Lebens; so muss das Spiel, dass wir von früher Jugend auf treiben, in entsprechender Gestalt uns bis ins Alter begleiten. Es soll uns heiter und gesund machen. Es soll „Arbeit sein im Gewände der Freude". Ungekünstelte Leibesübungen, unberührt von zersetzender Reflexion, sollen auf unseren Plätzen heimisch sein. Wir müssen wieder lernen, aus eigenem Impulse nach den körperlichen Übungen zu verlangen; wir müssen es als eine Lust empfinden, uns in ihnen auszuleben. Dann werden wir es uns nicht mehr an 3 wöchentlichen Turnstunden genügen lassen. Mit dem Vergnügen an den Leibesübungen wächst auch die Zeit, die man auf sie verwendet. Die Palästren waren nach Solons Befehl von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang geöffnet, Comenius (um 1600) verlangt 8 Stunden für den Schlaf, 8 Stunden für die Arbeit und 8 Stunden für die Körperpflege. Und wer von uns verwendet täglich nur 2 Stunden für seinen Körper? Mosso vergleicht das Turnen mit einer Arznei. So unrecht er >uch hat, so wird man durch die minimalen Dosen wohl daran erinnert.