Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 3 (1902)
- Issue
- 2 (2.1902)
- Date
- 1902-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 2. 25. Sie wurden dann, wie es gewöhnlich mit den Muhadjirs geschieht, zu Schiff nach Ismid am Marmarameer übergeführt und am nächsten Tage per Bahn nach Angora, wo sie in einer * Karawanserei vorläufig untergebracht wurden. Schliesslich erhielten sie Land auf einer Sultansdomäne nahe bei Beylik-Ahur an der Bahn zwischen Eskischehir und Angora, etwa 60 Kilometer von ersterer Stadt entfernt. Eine Zeit lang erhielten sie täglich 1 Laib Brot, später anstatt dessen 30 Para, etwa 12 Pfg. per Kopf, was gerade zur Fristung des Lebens genügt, ferner wurde ihnen ausnahmsweise von der Liste civile ein grösseres Darlehn von fast 18 000 Mk. gewährt zur Installierung für sich und für nachfolgende ca. 100 Familien, die gleichfalls dort angesiedelt werden sollten. Als Land erhielten sie vorläufig 20 Donum (etwa 2 ha) per Familie zugeteilt, jedoch mit der Erlaubnis, später so viel Land in Besitz zu nehmen als sie bebauen würden. Das war mitten im Winter i899;i9oo. Unterdessen kamen neue Zuzügler, die ersten primitiven provisorischen Hütten wurden gebaut, Vieh und Ackergeräte wurden angeschafft, und es ging alles ganz gut, bis nur allzu früh das Geld auf die Neige ging. Ob hierbei, wie behauptet wird, Unterschlagungen vorkamen, lässt sich natürlich nicht mit Sicherheit feststellen; viel Geld wurde jedenfalls durch den Unverstand der Leute verschwendet, auch wurde bei dem Mangel jeder Organisation viel Vieh, namentlich sämtliche Pferde, angeblich von Tscherkessen, gestohlen. Sicher ist aber, dass selbst bei der allersparsamsten Verwaltung die 18 000 Mk. unter keinen Umständen hätten genügen können, um 140 Familien, also ca. 700 Seelen, dauernd zu installieren. Die Nachricht von der Grossmut des Sultans hatte sich natürlich wie ein Lauffeuer in Rumänien verbreitet, die Kolonisationslust der armen Phantasten nahm darauf hin geradezu lächerliche Dimensionen an, überall bildeten sich unter den Handwerkern und Tagelöhnern Emigrationsgesellschaften, sog. „Grup israelit agricol de emigrare in Anatolia" mit schönen Kautschuk-Stempeln und hochtrabenden, zuweilen sogar gedruckten Prospekten; aber die meisten dieser Gesellschaften bestanden aus armen Schluckern, die sich in dem Gedanken an die Gnade des Sultans berauschten und alle von einer rosigen Zukunft als Grundbesitzer träumten. Das türkische Muhadjir-Komitee hatte in jener Zeit viel Arbeit und viel Verdruss, alle die Petenten zu befriedigen. Eine grosse Gruppe Israeliten, namentlich aus Botosani in der Moldau stammend,