Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 3 (1902)
- Issue
- 1 (1.1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 1. 6. deutung, dass ihm nur eine einzige Thatsache in der Geschichte der Juden an die Seite gestellt werden kann, dass ist ihre bürgerliche Emanzipation im vorigen Jahrhundert. Fast aber müssen wir glauben, dass diese neue Bewegung berufen ist, jene ältere noch zu überstrahlen. Jene war vor allem eine „Emanzipation", d. h. auf deutsch wörtlich „Entknechtung", also die von aussen gebrachte Befreiung aus einem unwürdigen Zustand der Unterdrückung. Sie war uns mehr geschenkt, als von uns selbst errungen. Daher denn auch heute die vielverbreitete Ansicht, dass der Geber sein Geschenk zurückziehen, mithin den Juden die gewährte bürgerliche Gleichberechtigung wieder genommen werden könne. Diesem unerträglichen Zustande muss ein Ende gemacht werden. Die bürgerliche Emanzipation hat, wie wir alle wissen, nicht vermocht, uns die soziale, die gesellschaftliche Gleichberechtigung zu bringen, wir werden immer mehr, offen oder versteckt, aus dem gesellschaftlichen Verkehr mit nicht-jüdischen Kreisen zurückgedrängt, so dass wir heute wieder wie früher — nur unrühmliche Selbsttäuschung vermag dies zu bestreiten, — in einem sozialen Ghetto leben. Es ist aber hierbei nicht stehen geblieben, die moderne Judenfeindschaft ist vor allen Dingen auf's wirtschaftliche Gebiet übergesprungen und hat es zu Wege gebracht, dass zahlreiche jüdische Existenzen vernichtet, allmählich, aber sicher dem wirtschaftlichen Ruin entgegengeiührt werden. Wer die Verhältnisse kennt, der weiss, dass die allgemeine Entwicklung dahin geht, Produzenten und Konsumenten in unmittelbaren Verkehr zu bringen, den Mittelstand des Kaufmanns gewissermassen zu umgehen. Dieser Bewegung, die sich nicht aufhalten lässt und die sich zumeist äussert in dem Emporspriessen der grossen Warenhäuser und Riesenbazare und dem Umsichgreifen der Konsumvereine, fallen naturgemäss die Juden, die hauptsächlich eben dem kaufmännischen Berufe angehören, zuerst zum Opfer. Wir stehen unmittelbar vor dem Entstehen eines jüdischen Proletariats, und zwar nicht in dem Sinne, wie es heute von der Wissenschaft angewandt wird, als Zusammenfassung einer Masse von Menschen, die um ihre wirtschaftliche und soziale Höherführung bewusst ringen und kämpfen, vielmehr droht die Bildung eines jüdischen „Lumpenproletariats", solcher Menschen, die einfach durch die wirtschaftliche Bewegung aus ihrem Beruf herausgedrängt werden, und, unfähig einen andern zu ergreifen, einem trostlosen Bettlerleben anheimfallen.