Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 2 (1901)
- Issue
- 9 (9.1901)
- Date
- 1901-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 9. 118. frisches Regen und Bewegen lebensfroher junger Mädchen als „sittliche Verrohung" betrachten, die gedankenlose Nachahmung eingebürgerter Gesellschaftsformen aber und ein möglichst gespreiztes und geziertes Wesen einer kaum den Kinderschuhen entwachsenen 14- bis 17jährigen „Dame" als höchste weibliche Tugend annehmen. Wer sich um den Geist und Betrieb unseres heutigen Frauenturnens gekümmert hat, weiss ganz genau, dass alles Unweibliche und Unästhetische ängstlich vermieden und der Hauptzweck neben der Kräftigung des Körpers in der Ausbildung angeborener weiblicher Anmut und sittsamer Bewegung gesucht und gefunden wird." Das andere Vorurteil wendet sich gegen das Turnen selbst. „Das Turnen ist unweiblich", heisst es da, „wir brauchen keine weiblichen Kraftmenschen!" — Dagegen möchten wir fragen: Ist es unweiblich, durch zweckmässige, kräftige Bewegung, wenn möglich in freier Luft, die Thätigkeit des Herzens und der Lungen, den Blutumlauf und den Stoffwechsel zu heben, die Muskeln zu stählen, bei Spiel und Wanderung Bewegungsfreudigkeit, Wohlgefühl und Frohsinn zu erwecken? Nicht nachdrücklich genug können die vielen, die eine ganz verkehrte Vorstellung von dem Wesen des weiblichen Turnens haben, darauf hingewiesen werden, dass die Mädchen und Frauen durch das Turnen zu kräftigen Menschen, nicht zu Kraftmenschen herangebildet werden sollen, dass Kraft im schönen Bunde mit Anmut das Ziel jedes vernünftig betriebenen Frauenturnens ist. Die Befürchtung, dass durch das Turnen der weibliche Körper an Anmut der Form oder der Bewegung verliere, ist durchaus unbegründet. Charakteristisch war für uns die Bemerkung einer erfahrenen Dame, die, zum erstenmal einem Turnen hiesiger geübter Turnerinnen beiwohnend, äusserte: „Ja, was ist denn das? Die Turnerinnen schreiten ja viel leichter und elastischer, als wir anderen Frauen und Mädchen es können!" — Mit scharfer Beobachtung erkannte diese Dame auf den ersten Blick den günstigen Einfluss regelmässiger turnerischer Uebungen auf die Entfaltung weiblicher Kraft und Anmut. Und. wie sollte es auch anders sein bei der Eigenart des Turnstoffes für das weibliche Geschlecht! Bei den Freiübungen fällt im allgemeinen die Belastung mit Gewichten (Eisenstäbe und Hanteln), wodurch die Muskulatur zu stark entwickelt werden kann, weg, an deren Stelle treten die Holzstäbe und die Keulen. Besonders das Keulenschwingen hat