Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 2 (1901)
- Issue
- 4 (4.1901)
- Date
- 1901-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4921092-5965005-5965148--0178-4921256- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 4. 49verwachsen sind, in der wir nicht nur Duldung, sondern, wenn wir es verdienen, auch Liebe finden, werden wir unentwegt und unbekümmert um Missgunst und Hass an den grossen Aufgaben der Kultur mitarbeiten, stets kriegsbereit den Frieden pflegen. Vom Wandern. Von M. Zirker. (Schluss.) II. Ausrüstung. Wie oft konnte ich, wenn ich frühmorgens an schönen Sommersonntagen in der Nahe eines Berliner Bahnhofes auf Freunde wartete, um mit ihnen gemeinsam den Sonntag draussen im Freien zu verbringen, unter den Tausenden, die zu gleichem Zwecke versammelt waren, Hunderte bemerken, deren Reisetracht mir zum Lagern im Grünen oder zur Pfadfinderarbeit im Waldgestrüpp fast so geeignet erschien, wie ein molliges Eskimokostüm für Afrikareisende: dawar der „gute" schwarze Bratenrock mit dito Beinkleidern, dessen Trager wirklich — braten musste infolge der bekannten Fähigkeit des schwarzen Stoffes, die Sonnenstrahlen aufzusaugen und die Warme nicht wieder loszulassen, und dessen vom Marschieren oder Lagern herrührenden Flecke nach der Heimkehr zu dem Penaten „Muttern", die fürchterlich Musterung hält, auf den ersten Blick auffallen. Dann der moderne hohe Kragen, der freilich nicht schlecht sitzt, weil er ja steht, und der unterwegs zu „Reibereien" aufgelegt ist. Der steife Hut, welcher nach der Reise nicht wiederzuerkennen ist und den Weg alles Geldeswerten — zum Trödler wandert. Das weisse, womöglich gestickte Chemisett, der Tummelplatz lieblicher Waldwürmchen, deren zurückgelassene kleine Andenken dich an das grosse Wort erinnern werden: „Es kann die Spur von deinen Erdentagen nicht in Aeonen untergehen." Dann die neuen, etwas engen, vorn spitzen Stiefel, in denen du auf dem Marsch die Engel im Himmel singen hörst, wahrend doch ein ausgetragener Wandersmann stets ausgetragene, vorn breite Schnürstiefel anzieht. Englische Socken aus Baumwolle, die im Schweisse erstarren, statt der stets weichen wollenen Strümpfe. An Stelle eines flanellenen Sporthemdes ein Leinenhemd, das den Schweiss des Wanderers nicht wieder loslflsst und einem pitschenass auf der Haut liegt — ein Vergnügen, das bekanntlich Erkaltungen, insbesondere Lungenentzündung leicht nach sich ziehen kann. Schliesslich an Stelle des Ranzens, oder noch besser des Rucksackes, welcher sich der Körperform ganz anpasst, die grüne Botanisiertrommel oder die unpraktische, nur auf einer Seite tragbare Reisetasche, die beide immer „rumrutschen"; und deren Inhalt: eine Flasche Limonade, die so matt ist wie die Seele ihres Besitzers, und ein Flaschchen Schnaps, althochdeutsch Wutki, modern Llqueur, von dem man sagt, dass es ein Trost sei, im Unglück einen genossen zu haben, wahrend bekanntlich auf der Reise nichts mehr erschlafft, als der Genuss von Alkohol. — Möge diese kleine, vielleicht etwas übertriebene Schilderung der Ausstaffierung eines fahrenden JUnglinglings dem Leser zeigen, wie man nicht wandern soll!