Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 2 (1901)
- Issue
- 4 (4.1901)
- Date
- 1901-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4. 48. gross bleiben kann, wenn bei grossem Zufluss ein gleicher Abfluss vorhanden ist, so wird auch der Mensch sich wohl und im Gleichgewicht befinden, wenn der Stoffumsatz ein grosser, die Bilanz der Ein- und Ausgaben aber ungefähr gleich ist. Diese Anregung giebt das Turnen, das den Körper in Bewegung erhält, ihn zur Produktion und zum Verbrauch von Kräften veranlasst, aber auch zur erhöhten Nahrungsaufnahme anregt und so den Leib in steter Frische erhält. Und in den frischen Körper zieht auch ein frischer Geist ein. Das Gehirn, ein Teil des Körpers, und wie jedes Organ und mehr noch als jedes andere, ist abhängig von dem Befinden des Körpers, und die berühmte Fabel von dem Magen und den Gliedern Hesse sich vice versa von dem Gehirn erzählen. Nicht, dass die Intelligenz durch das Turnen gerade erhöht würde — sie beruht auf Anlage und Erziehung —, aber der Wille wird gestärkt, die Kraft zur geistigen Arbeit erhöht, das Denken klarer, weil die Ermüdungsstoffe geringer geworden sind. Ein reger Geist in einem schlaffen Körper ist wie ein flackerndes Feuer in einem brüchigen Kamin; je stärker das Feuer entfacht wird, um so schadhafter wird der Kamin, bis er über den Flammen zusammenbricht und unter seinen Trümmern auch die Flammen erstickt. Es haben die von berufener Hand geschriebenen Berichte die traurigen Folgen einer verkehrten einseitigen Erziehung im Cheder der russischen Juden dargelegt und gezeigt, mit welchem erschreckenden Prozentsatz bei den Nerven- und Geisteserkrankungen, bei der Tuberculose und den Diabetesformen (Zuckerkrankheit) die jüdische Bevölkerung Russlands beteiligt ist. Aber auch der grosse Prozentsatz der militärisch untauglichen Juden unseres Staates *) sollte uns endlich daran gemahnen, etwas zur Regeneration unseres Körpers zu thun. Wehrhaft müssen wir werden, aber nicht der eine und der andere, sondern alle im heranwachsenden jüdischen Geschlecht. Dann werden wir uns selbst wiederfinden, mit gradem Rückgrat einhergehen und, auf unsere Kraft vertrauend, Schimpf und Schande abwälzen, die die Jahrhunderte auf den Namen „Jude" geworfen haben. Vornehmer in der Gesinnung, da wir uns unabhängiger fühlen werden, stolzer in dem Bewusstsein, endlich wieder einer Nation angehören zu dürfen, mit der wir *) Nach einer uns vorliegenden Berechnung dienen von 1000 Militärpflichtigen nur 9 Juden, statt 13, wie es der Bevölkerungsziffer entspräche. (Anm. d. Red.)