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Jüdische Turnzeitung · 1901-03-01 · 3 (3.1901) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
2 (1901)
Issue
3 (3.1901)
Date
1901-03-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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No. 3. 35- Am Anfange des vergangenen Jahrhunderts herrschte noch in Preussen, von einigen Berliner „Salons" abgesehen, allgemein in jüdischen Kreisen die Überzeugung, dass wir etwas "Anderes, eine andere Rasse, ein anderer Stamm, eine andere Nation seien — der Name ist gleichgültig — als die anderen Landesbewohner. Standen wir doch auch unter anderen Gesetzen, hatten weder die gleichen Rechte noch die gleichen Pflichten wie diese. Im Laufe des Jahrhunderts änderte sich dieses letztere Verhältnis, die Pflichten und — auf dem Papier wenigstens — die Rechte sämtlicher, auch der jüdischen Staatsbürger wurden die gleichen. Da ging ein Frohlocken durch die Judenschaft, in kurzsichtiger Verblendung glaubten wir nicht nur, dass die beschworene Verfassung gehalten werden würde, nein, wir waren auch fest überzeugt, dass uns mit den tönenden Worten dieser Verfassung, die uns zu Bürgern des Landes machten, in welchem wir wohnten, dass uns damit auch etwas gegeben würde, was wir seit Jahrhunderten verloren hatten, was wir schmerzlicher als die uns vorenthaltene Anerkennung unserer Menschenrechte vermissten: ein Vaterland, eine Heimaterde, aus der wir, gleich dem Riesen Antäus, neue Kräfte zu einem glücklichen Dasein ziehen konnten. In heisser Liebe schlössen wir uns diesem neuen Vaterlande an, wir opferten freudig all die Güter, für welche unsere Väter einst gelitten, wir opferten unsere Gebräuche, unsern Ritus, unsere Traditionen, unsere Gebetsprache, die jüdische Erziehung der Kinder, und häufig auch unsere Ueberzeugung mitsamt der Erinnerung an die glorreichen Thaten unserer Vorfahren. Doch alle Opfer waren umsonst; wir wurden trotzdem nicht als Gleichberechtigte behandelt, nicht als volle Staatsbürger angesehen; wir wurden vielmehr als Fremdlinge zurückgestossen, und nach einer kurzen Epoche des Scheinfriedens erneute sich der alte Kampf wider uns. Wir verloren Position auf Position von dem uns anfänglich gewährten Terrain, und wir stehen heute in socialer und, wie der Konitzer Fall zeigt, auch sonst in jeder Hinsicht fast ebenso da, wie unsere Vorfahren vor einem Jahrhundert. Nur mit einem einschneidenden Unterschiede: Unsere Vorfahren vor hundert Jahren waren Juden, volle, ganze Juden, bei all den Leiden, welche sie erlitten. Doch was sind wir? Unsere Eltern haben uns nicht zu Juden erzogen, unsere Gegner haben uns nicht Deutsche werden lassen, wir wurden zu haltlosen Zwittern, doppelt haltlos, weil auch unsere physische Widerstandskraft durch die andauernden Leiden gebrochen ward.

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