Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 2 (1901)
- Issue
- 3 (3.1901)
- Date
- 1901-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 3. 3a. Willenskraft vornehmlich durch Handlungen gefördert, und dass der Grund zur Charakterbildung bereits in sehr früher Jugend gelegt wird. Daher könnte gerade der Turnlehrer einen bedeutenden Einfluss auf die Willensbildung seiner jugendlichen Zöglinge nehmen. Zu diesem Zwecke müsste er die Übungen dem Alter und der turnerischen Befähigung der ihm anvertrauten Kinder entsprechend auswählen. Es ist selbstverständlich Voraussetzung, dass der Lehrer mit feinem und richtigem Takt eine Individualisierung seiner Schüler vornimmt und ihnen nicht Übungen zumutet, die ihre Kraft übersteigen, ebensowenig wird er junge Menschen vor lebensgefährliche Aufgaben stellen dürfen. Aber wohl ist es sein Recht, nein, mehr noch seine Pflicht, die Spannkraft des Willens, den Mut zu erhöhen. — Übt jede Leibesübung einen willenstärkenden Einfluss aus? Diese Frage ist zu verneinen. Der Wille wird nur gestählt, wenn er angestrengt werden muss. Daher setzen die ersten Gehversuche eines Kindes eine gewisse, allerdings unbewusste Willensbethätigung voraus, während das erwachsene Kind läuft, ohne dass es eines besonderen Aufwandes an Energie bedürfte. Nur der Anfang, die ersten, tastenden Versuche sind schwer, während die Thätigkeit des Willens mehr und mehr in Fortfall kommt, je häufiger die Ausführung der bekannten Übung erfolgt. Abgesehen davon, dass die stete Wiederholung derselben Aufgabe — das weiss jeder praktische Turner — Gleichgiltigkeit und schliesslich Langeweile erzeugt, weil es eben keinen Reiz hat, was man schon kann, immer von neuem zu machen, verliert die Übung ihren höheren, ihren geistigen Wert, sie wird sehr bald zu einer mechanischen oder automatischen. Als Beleg für die Richtigkeit dieser Behauptung bringt Prof. Koch das lustige „Beispiel des zerstreuten Gelehrten, der nach einem Umzüge seine alte Wohnung wieder aufsucht." 4) Ganz allmählich, nach wohlüberlegtem Plane, müssen schwierigere Übungen an Stelle der leichteren treten; diese Steigerung bedingt und bewirkt eine wachsende Bethätigung des Willens und die Folge davon ist jene Lust, die nur der kennt, dem die Ausführung einer neuen, bisher unbekannten LeibesUbung gelungen ist. Wir denken hier an Leibesübungen im weitesten Sinne, ohne uns auf die 4) An dieser Stelle mag erwähnt sein, dass eine ganz ähnliche Erscheinung nicht nur beim weisen Menschengeschlecht sich findet, sondern auch für manche Haustiere Geltung behält. Mir ist eine Geschichte bekannt, wo ein Hund kurze Zeit nachdem sein Herr die Wohnung gewechselt hatte, sich verlief und gemütlich zur alten Behausung trabte — ganz so, wie der zerstreute Professor.