Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 2 (1901)
- Issue
- 1 (1.1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4921092-5965005-5965144--0117-4921198- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. I 3. Grund, der allerdings für den Bodenkulturverein nicht in Betracht kommt. Dies ist die Notwendigkeit unter den Juden in Deutschland das Bewusstsein ihrer besonderen Nationalität durch das kräftige und erprobte Mittel der Turnerei nach deutschem Vorbild wieder zu wecken. Das deutsche Turnen ward begründet als eine natürliche Handhabe, um in den weitesten Volkskreisen das hochgemute Wesen der alten Deutschen zu bewahren. Das ist auch heute noch der Hauptzweck der deutschen Turnerschaft. Die vielen schönen Turnlieder sind von diesen Grundgedanken getragen. Sie führen den Deutschen im Geiste zu der Ahnen Frische, Frömmigkeit, Fröhlichkeit, Freiheit, den Eigenschaften, die sie im Frieden und für die Nachwelt besonders erkennbar, auf allen Schlachtfeldern bewährten. Und sie erzeugen das einzig probehaltige Streben, den Vätern gleich zu werden, der Väter Erbe allzeit zu pflegen. Diejenigen Juden, die ihres Selbst bewusst sind, wissen, dass sie zu diesen wahrhaft selbstbewussten Deutschen nimmer gehören. Wenn unser einer über den Neuen Markt zu Berlin am Lutherdenkmal vorübergeht, wird er Luthers Grösse und Bedeutung nachempfinden, mitfühlen aber wird er im innersten Herzen mit jenen fünfunddreissig Juden, die zu Luthers Zeit auf eben jenem Platze unschuldig und standhaft den Feuertod erlitten. Diese sind unser Fleisch und Bein und unseres Lebens Mark. Aus ihrer und ihrer Brüder Asche erblühte unser Leben. Ein feiger Schwächling gilt uns der, der sie vergisst und nicht ihrem Heldentum, ihrer Heldenkraft, ihrem Heldengeiste ähnlich zu werden sich bemüht. Wie unedel sind wir geworden, da wir an unsere Väter von andern erinnert werden müssen. Während diese andern uns von der Verschiedenheit unseres Volkes reden, stimmen wir schwach und heiser ein in den Sang deutscher Barden von Hermann, Barbarossa, Luther. Beinahe müsste man deutsche Turnvereine des Verrates an ihrer heiligen Sache beschuldigen, dass sie solche Misstöne in ihrem Liede dulden. Doch gemach! Es muss zugegeben werden, dass beiderseits die Humanität Eintracht gebietet, dass das neue deutsche Reich, an dessen Aufbau Juden tüchtig mitarbeiteten, oft die Hauptmelodie abgiebt und dass der germanische Grundton zu stark ist, als dass er jüdischer Mithilfe bedürfte oder durch jüdische Stimmen ins Wanken käme. Den deutschen Turnvereinen erwächst in Wirklichkeit schon deshalb kein Schaden von ihren