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Jüdische Turnzeitung · 1900-12-01 · 8 (12.1900) · p. Seite 92

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
1 (1900)
Issue
8 (12.1900)
Date
1900-12-01
Page
Seite 92 (sequence 12)
Language
German
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Tic. 8. 92. Ein halbes Jahrhundert ging ins Land. Die Intelligenz, für die das neue Judentum geschaffen war, kam nur spärlich zurück, die Jugend kehrte ihm den Rücken wie ehedem; auch das reformierte Judentum vermochte ihr kein Ideal zu sein. Auch die Verbrüderung, für die die Reform berechnet war, ist gescheitert. Heute wissen auch die deutschen Juden, dass die Bande, die sie für ewig unauflöslich hielten, bedenklich gelockert sind, heute haben sie gesehen, dass auch für sie einmal der Tag kommen kann, an dem sie sich ein Vaterland von neuem suchen müssen. Die stärksten Stützen der Reform sind gefallen, sie hat sich als ohnmächtig erwiesen zu erreichen, was sie erstrebt hat. Alles das ist an den neuen Reformern von Paris spurlos vorübergegangen. Die völlige Wirkungslosigkeit der Reform in Deutschland macht sie nicht stutzig, sie fragen sich nicht, ob denn auch die Prinzipien richtig waren, mit denen man an die Aufgabe herangegangen, ob es Stamm oder Zweige waren, die man am Baume des Judentums beseitigt hat. Die Geschichte der Juden ist wieder einmal an demselben Punkte angekommen, aber an keinem höheren Ort. Die Pariser Reformer wollen die historische Kontinuität aufrecht erhalten, so viel wissen sie von den Grundbedingungen jeder vernünftigen Reform, sie wollen die Formen treffen und nicht den Geist. Mit diesen Prinzipien finden sie es vereinbar, dass alles an eine jüdische Volkstümlichkeit Anklingende beseitigt wird in einem Kultus, von welchem grosse Teile, wie selbst Geiger bekannt bat, in eben dieser Volkstümlichkeit ihre Wurzel haben. Sie meinen die Formen zu treffen, wenn sie in diesem Kultus die Erinnerung an die historische Heimat beseitigen, die hebräische Sprache bis auf geringfügige Reste aufgeben, wenn sie an Stelle des jüdischen Ruhetages den christlichen setzen — denn einer Aufgabe des Sonnabends kommt die Sonntagsfeier gleich. — Es kann nicht zweifelhaft sein, dass eine Reform auf dieser Grundlage nicht die Formen zerstört, um den Geist zu erhalten, sondern die Axt an die Wurzel des Baumes legt, dass sie, weit entfernt davon, im Zusammenhange mit der Geschichte zu bleiben, alles historische Fühlen systematisch ertötet. Die geschichtliche Ueberlieferung gilt ihr nichts, wenn nicht materielle Verhältnisse ihre Erhaltung notwendig machen. Diese Reform ist also weder historisch noch sittlich- Wollen wir schon jetzt reformieren, dann gilt es vor allem zu erkennen, dass es Ehrenpflicht eines Volkes ist, die historischen Ideale hochzuhalten und die Erinnerung an die eigene Vergangenheit zu pflegen Im Zeitalter des lebendigsten Nationalismus, in einer Zeit des Zu-

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