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Jüdische Turnzeitung · 1900-12-01 · 8 (12.1900) · p. Seite 91

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
1 (1900)
Issue
8 (12.1900)
Date
1900-12-01
Page
Seite 91 (sequence 11)
Language
German
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Zto. 8. zu den Juden betrifft, in moderner Zeit ethisch höhere Formen angenommen habe, als sie ehedem gehabt hat. In Paris sind in neuerer Zeit Bestrebungen zur Reform des jüdischen Kultus rege geworden. „L'Union liberale israelite" hat vor kurzem ihre „Propositions de reformes" an die Gemeinderaitglieder in Paris versandt. Das Ziel der Bestrebungen besteht im allgemeinen darin, die Gebete (mit Ausnahme des Sch'ma- und Kaddischgebetes) ins Französische zu übersetzen, alle diejenigen Gebete, deren Inhalt nicht mehr mit unseren Ansichten in Einklang stehe, zu streichen, worunter im wesentlichen die Beseitigung der Bitten um Wiedereinführung der Opfer und um die Rückkehr nach Jerusalem verstanden wird, und unter Aufrechterhaltung des Sabbath-Gottesdienstes einen feierlichen Gottesdienst am Sonntag einzurichten, um diejenigen, die nur diesen Tag ruhen können, Gelegenheit zu geben, das Gotteshaus zu besuchen und ihren religiösen Gefühlen Ausdruck zu geben. Frankreich hatte bisher kein Reformjudentum. Während die deutsche Judenheit in unserem Jahrhundert von den Reformbestrebungen bewegt ward, Hess die kirchliche Verfassung der französischen Juden naturgeraäss keine grundstürzenden kulturellen Neuerungen aufkommen. Der Abfall aller gebildeten Elemente vom Judentum, der in Deutschland trotz der Reform seinen Fortgang nahm, vollzog sich in Frankreich ohne die Reform. Nun will man auch in Frankreich reformieren. Man hat aus der Geschichte der letzten fünf Jahrzehnte nichts gelernt. Unter denselben von aussen her gewonnenen Gesichtspunkten betrachtet man die jüdische Tradition, denselben Massstab legt man an den jüdischen Kultus. Die Motive zur Reform sind dieselben wie ehedem in Deutschland. Das französische Judentum steht der Tradition teils kalt, teils feindlich gegenüber. Die europäische Kultur hat jeden Zusammenhang zwischen ihnen und ihrer Geschichte zerrissen. Man will die verlorenen Sühne dadurch wieder dem Judentum zuführen, dass man dieses der modernen Ideenwelt assimiliert, beseitigt, was als überwunden gelten muss, verjüngt, was entwicklungsfähig ist. Kein Wissender wird dieses Bestreben verurteilen: Alles geschichtliche Leben ist Entwickelung. Wie aber dieses Ziel erreichen? Die deutsche Reform hat aus dem jüdischen Kultus alles herausgerissen, was der Strömung jener Zeit zuwider war. Keiner von den die Zeit bewegenden Ideen durfte die Ueberlieferung widersprechen. Die Emanzipation schien den Heimatlosen ein Vaterland zu geben, und alles, was an das historische Vaterland gemahnte, wurde durch ein radikales Reinigungsverfahren ausgemerzt. Das Judentum der Zukunft war geschaffen, ein Judentum auch für die Intelligenz.

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