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Jüdische Turnzeitung · 1900-12-01 · 8 (12.1900) · p. Seite 85

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
1 (1900)
Issue
8 (12.1900)
Date
1900-12-01
Page
Seite 85 (sequence 5)
Language
German
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Ho. 8. 85. drängen, ob man nicht einen inneren Konflikt am besten dadurch aus dem Wege gehen könne, dass man auf dem Boden der jüdischen Nationalität weiter baue, und ob es nicht schon eine moralische Forderung sei, an der Erhaltung eines Volkes mitzuarbeiten, dem die Welt eine so gewaltige Kultur zu verdanken und das allen Stürmen der Weltgeschichte getrotzt hat. Und wenn er das nicht anerkennt, so sollte doch Herr Benediktus Levita eine Empfindung für die Erniedrigung besitzen, deren wir uns dadurch schuldig machen, - dass wir, eine bedrückte Minorität, mit der Majorität Verbrüderung und Verschmelzung wünschen, obwohl man sich auf der Seite der letzteren sehr ablehnend gegen derartige Wünsche verhält. Wenn nun der Verfasser das sittliche Ideal des Judentums mit dem des Christentums vergleicht und zu einem abfälligen Urteil über das erstere gelangt, so ist ihm in der Entgegnung des Herrn Dr. May bäum*) wenigstens hierin eine treffliche Widerlegung zu teil geworden, sodass ich mich einer näheren Erörterung dieses Punktes enthalten kann. Mit der Frage, ob wir Christen werden können' rückt. der Verfasser der von ihm vorgeschlagenen Lösung der Judenfrage näher, doch die Aufrichtigkeit seiner Denkweise sträubt sich gegen die Lüge, die die notwendige Voraussetzung eines solchen Schrittes ist. „Die Lehre vom Gottmenschen ist unserem Empfinden zuwider, hierüber hilft uns kein Drehen und Deuteln." Mit den Worten: „Christen können wir nicht werden,." weist er diese Möglichkeit einer Erlösung der Juden zurück. Kein Ausweg aus diesem Labyrinth zeigt sieh dem ängstlich umherspähenden Blick. Das ganze Elend des modernen Juden, der von seinem Volkstum losgelöst ist und von der nichtjüdischen Gesellschaft zurückgestossen wird, tritt uns in greifbarer Gestalt vor die Augen, wenn wir den schmerzlichen Ausruf vernehmen: „Das kostbare Besitztum, das dem Geringsten die Natur in die Wiege legt, ein Volks, tum, uns bleibt es versagt. Ins Deutschtum hinein können wir nicht, ins Judentum zurück wollen wir nicht, wir müssen unsern trostlosen Weg einsam weiter wandern." Um so mehr müssen wir erstaunen, wie plötzlich die Erleuchtung über Herrn Benediktus Levita kommt und er beim Anblick seines unschuldig leidenden Kindes in überraschend schneller Weise zu einem endgültigen Resultat gelangt und nun die Parole ausgiebt: „Unsere Kinder werden Christen." Wir müssen uns verwundert fragen, weshalb diesem Entschluss gegenüber nicht dieselben moralischen Bedenken geltend gemacht werden, wie sie dem Verfasser angesichts *) Allgemeine Zeitung des Judentums. 1000. Nr. 43.

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