Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 1 (1900)
- Issue
- 8 (12.1900)
- Date
- 1900-12-01
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ho. 8. 83. Schöffen, von dem Bestellen einer Judenfrage nichts wissen wollen und daher ihr Gehirn nicht zu sehr mit dem Nachdenken über eine Lösung derselben belasten, sieht Herr Benediktas Levita das Unhaltbare der jetzigen Zustände ein und sucht durchgreifende Abhülfe zu schaffen. Wiewohl wir seinen Vorschlag auf das heftigste bekämpfen müssen, so können wir uns doch mit einem Manne, der mit offenem Visier kämpft und ehrlich seine letzten Ziele bekennt, eher auseinandersetzen als mit der Masse unserer sonstigen Gegner, die eine förmlich verbissene Scheu vor wahren Thatsachen zur Schau tragen und durch Verwässerung des Judentums dasselbe einem allmählichen Ruin entgegenführen. Liest man die Schilderung, die der Verfasser von unserer politischen und gesellschaftlichen Zurücksetzung giebt, so glaubt man einen Teil der Nordauschen Rede auf dem ersten Baseler Zionistenkongress zu hören, in der in so meisterhafter und packender Weise die sittliche Judennot der westeuropäischen Juden geschildert wurde. Es ist ein Schmerzenschrei, der sich aus einer tief gequälten jüdischen Brust emporringt, die noch nicht den Trost gefunden hat, wie ihn der Glaube an ein Fortbestehen und eine Zukunft des jüdischen Volkes gewährt, und die nur die Leiden empfindet, die ein Erbteil unseres Stammes sind. Wie bitter klingen die Worte, die sich auf die gesellschaftliche Isolierung der Juden beziehen: „Wer etwas auf sich hält, setzt sich der Gefahr der Ablehnung nicht erst aus und bleibt lieber für sich." Bei der Besprechung unseres Verhältnisses zur christlich-deutschen Bevölkerung weist der Verfasser ganz richtig darauf hin, dass die Gesellschaft, ohne dass ihre kirchliche oder unkirchliche Gesinnung dabei eine Rolle spielt, den getauften Juden bereitwilligst ihre Pforten öffnet, und dass man, um volle Gleichberechtigung zu erlangen, sich erst als charakterloser Lump erwiesen haben müsse. Das ist eine Thatsache, bei deren Erklärung sich Herr Benediktus Levita in ganz auffällige Widersprüche verwickelt. Der Umstand, dass man auf die religiösen Anschauungen des Täuflings gar kein Gewicht legt, sollte doch niemand darüber im Zweifel lassen, dass mit der Taufe in Wirklichkeit nicht ein Religionswechsel, sondern eine Preisgabe der Stammeszugehörigkeit beabsichtigt wird, und dass die christliche Gesellschaft in diesem Sinne den getauften Juden wie einen Ueberläufer aufnimmt. Dagegen kommt Herr Benediktus Levita zu dem widerspruchsvollen und überraschenden Schluss: „Die Gesellschaft ist eben nicht religiös gleichgültig." Seine Beweisführung besteht darin, dass er an einzelnen Beispielen nachweist, dass sowohl auf deutscher als auch auf jüdischer Seite ein Stück nationales Leben durch die Religion verkörpert wird, und, da beide