Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turnzeitung · 1900-11-01 · 7 (11.1900) · p. Seite 76

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
1 (1900)
Issue
7 (11.1900)
Date
1900-11-01
Page
Seite 76 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4921092-5965003-5965141--0089-4921173
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

TZo. 7. 76. Sollte eben nicht baldigst Wandel geschaffen werden, so sehe ich mit Granen der Zeit entgegen, wo die letzten von mir aufgezählten Dämme gegen die körperliche Entartung der Juden eingerissen und das Ghettojudentbum mit Biesenschritten einer physischen und moralischen Zersetzung entgegeneilen wird. Nach dem Geschilderten komme ich zum Kern der Sache, zur Frage: auf welche Weise die körperliche Hebung der Ghettojuden zustande gebracht werden könne? Die Antwort darauf kann nur eindeutig lauten: Die physische Hebung kann einzig und allein nur durch eine sociale ökonomische Umgestaltung der Lage der Ghettojuden ins Leben gerufen werden; denn diese ist's ausschließlich, welche den Volkskörper der Juden allmählich untergräbt und zugrunde richtet. In Russland nun, wo circa fünf Millionen Juden wohnen, würde ein Machtwort, das Streichen des einen Satzes der russischen Gesetzgebung : „Mit Ausnahme der Juden" dieses Wunder zutage fördern. Gleichberechtigung, Freizügigkeit, Einreissen der Ghettomauern, freie Immigration der Juden ins grosse russische Reich — welches einen jeden, der esseu will, sättigen und einem jeden, der durstig ist, den Durst stillen könnte — würden im Verlaufe von zwei bis drei Generationen in demselben Masse die physische Hebung der Juden fördern, wie es in Westeuropa geschehen ist. Da aber ein solcher Wandei zum Besseren in absehbarer Zeit durchaus nicht zu erwarten ist, da vielmehr alle Anzeichen dafür sprechen, dass die Juden im nächsten Jahrhundert ebenso wie in dem vergangenen den obligatorischen Karpfenteich für die grossen arischen Hechte abgeben werden, und da überhaupt, trotz Cultur und Civilisation, die ganze christliche Ethik in den letzten Decennien auf den Kopf gestellt wird, so kann es sich bei der Lösung unseres Problems innerhalb des Ghetto nicht um eine radicale Abhilfe, sondern höchstens um Palliativmittelchen handeln, die einerseits der physischen Entartung der Ghettojuden bloss eine Galgenfrist gewähren könnten, anderseits die Wohlthätigkeit und Selbsthülfe der Ghettojudenschaft aufs höchste anspannen müssten, um, wenn auch nur theilweise realisiert zu werden. Zu diesen Palliativmitteln würde in erster Reihe eine Reform der Jadenschulen, der Cheders und Talmud-Thoras und der Jeschiboths gehören. Nach dem Obenerwähnten wird eben in diesen Schulen der erste Keim zur Körperverkrüppelung der heranwachsenden Jugend gelegt. Wenn überhaupt den besser situierten Ghettojuden das Schicksal ihrer Glaubensgenossen am Herzen liegt, so müssten diese Brutstätten jeglicher Krankheiten durch Schulen mit hellen, luftigen Räumen, den Erforder-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.