Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 1 (1900)
- Issue
- 6 (10.1900)
- Date
- 1900-10-01
- Page
- Seite 69 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Xio. 6. 69- Vogelfreien, der von Jedem verfolgt und nicht einmal von seinen eigenen Verwandten geschont wird. Bleibt er in diesem Kampf gegen Alle am Leben, dann kelirt er nach Ablauf des Jahres wieder heim und versöhnt sich auch seinerseits mit der Familie des Ermordeten, worauf er für ihren nächsten „Blutsverwandten" gilt. Der geistige Kulturzustand der Bergjuden ist noch ein ziemlich niedriger, wenigstens derjenigen, welche die Dörfer bewohnen. Gegen die europäische Bildung verhalten sie sich aus Fanatismus vollständig feindlich, aber auch die Kenntnis des Lesens und Schreibens ihrer eigenen Sprache ist wenig verbreitet. Diese ist, wie schon erwähnt, im Wesentlichen ein iranischer Dialect, der mit Elementen der althebräischen und einigen Nachbarsprachen gemischt ist. Sie wird ausserdem nur noch von den benachbarten Taten gesprochen, mit denen die Bergjuden vielleicht näher verwandt sind, und ist einigen anderen Sprachen des Kaukasus verwandt. Zum Schreiben wird die hebräische Quadratschrift verwandt. Meist werden mohamedanische Mullahs, die überhaupt ein hohes Ansehen geniessen, dafür bezahlt, Briefe und andere Schriftstücke abzufassen. Noch weniger ist die hebräische Sprache und mit ihr das jüdische Religionsgesetz bekannt, und selbst bei Rabbinern oft nur gering. Diese sind zugleich Schächter und Lehrer und erhalten ihren Unterricht meist auf einer Art höheren Schule in Deibent, zuweilen in anderen russischen Städten. Trotzdem sie häufig nur geringe Kenntnisse mitbringen, sind sie in der Heimat als „Gelehrte" sehr angesehen. Bei solchen Verhältnissen ist natürlich der Schulunterricht im Allgemeinen ziemlich mittelmässig; Unterrichtsgegenstände sind: Schreiben, Lesen und Unterweisung in der Bibel in tatarischer Uebersetzung. Die Schule ist ein enges Häuschen in der Nähe der Synagoge und belindet sich in der Regel in einem dürftigen, schmutzigen Zustande. Der Lehrer sitzt auf dem Boden, um ihn herum die Knaben; wenn sie Gebete lesen, nicken sie mit dem Kopfe; sie schreiben nach muselmännischer Art auf den Knieen. Das weibliche Geschlecht erhält nicht den geringsten Unterricht. In neuerer Zeit zeigt sich jedoch ein erheblicher Wandel; in die Städte ist schon der nivellierende Geist der Zeit eingezogen, welcher die Juden an diu europäische Sitte und Kultur ansahliesst, ihnen aber auch viel von ihrer Eigenart und Ursprünglichkeit raubt. Auch in den Dörfern, wo diese Gefahr zum Glück weniger zu befürchten ist, bricht sich allmählich das Bedürfnis nach einer, wenn auch geringen, Bildung Bahn. Die Rabbiner erlangen bessere Kenntnisse, die Schulen werden stärker besucht und iu kurzer Zeit sank die Zahl der Analphabeten auf 85°/0; das beweist die Bildungsfähigkeit der Bergjuden.