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Jüdische Turnzeitung · 1900-10-01 · 6 (10.1900) · p. Seite 70

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
1 (1900)
Issue
6 (10.1900)
Date
1900-10-01
Page
Seite 70 (sequence 10)
Language
German
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No. 6. 70. Der Gottesdienst und die Gebete sind z. T. abweichend von denen der europäischen Juden. Die Synagogen sind alle nach einem Typus in tatarischem Stil gebaut und sehen wie Moscheen aus. Es wird Morgens und Abends gebetet; während des Gottesdienstes liest der Rabbiner die Gebete vor, die wenigen des Hebräischen Kundigen folgen ihm in ihren Gebetbüchern, die anderen hören stehend oder auf dem Boden sitzend zu. Die Frauen dürfen die Synagoge nicht betreten; sie erfüllen überhaupt wenig religiöse Pflichten, in der Heberzeugung, dass Gott von ihnen, als von Natur untergeordneten Wesen, nicht viel verlange. Wie bei allen Bergvölkern des Kaukasus, ist auch bei den Juden die Liebe zur Musik uud zur Poesie sehr eutwickelt. Es leben unter ihnen zahlreiche Volkslieder, die sich besonders gern mit den Heldenkämpfen der Vorfahren beschäftigen; einige von ihnen hat Juda Tscliorny in seinem Sefer hamaassoth wiedergegeben. Eine deutsche Hebersetzung ist mir von keinem bekannt.* In den vorliegenden Ausführungen habe ich eine Schilderung dieses merkwürdigen Volkes in kurzen Umrissen versucht, ohne auf Einzelheiten einzugehen, die den Rahmen dieses Blattes überschritten hätten. Zweifellos ist die Kenntnis von den Bergjuden durch ihre Eigenart, durch die seltsame Mischung jüdischen und fremden Wesens, an und für sich für Jeden sehr interessant, aber dem Tieferblickenden, der aus den Erscheinungen Schlüsse zu ziehen vermag, sagt sie noch mehr, denn sie ist im Stande, wertvolle Lehren zu erteilen. Die eine gilt den Nichtjuden, welche uns nicht nur die Existenzberechtigung, sondern überhaupt eine normale Existenzfähigkeit abzusprechen belieben, denn sie zeigt ihnen an dem Beispiel eines Teils unseres Volkes, dem ein glücklicheres Loos zu Teil geworden ist, dass die Abnormität unseres heutigen Zustandes den Mangel an nationaler Spannkraft mit seinen traurigen Begleiterscheinungen nicht die Folge einer uns stets eigen gewesenen Minderwertigkeit ist, sondern unsere eigenartige Geschichtsentwickelung seit 1800 Jahren, unser heimatloses Vegetieren in aller Herren Länder, und nicht zum mindesten die liebevolle Sonderbehandlung unserer „Wirtsvölker“, welche eine Verkümmerung wichtiger Teile unseres Volksorganismus mit sich brachte, zur Ursache hat. Uns aber — und das ist eine noch wichtigere Lehre — sagt sie mehr; sie weist uns den Weg, den wir zur Wiedererlangung der verlorenen Güter zu allererst beschreiten müssen, nämlich die physische Regeneration, welche Hand in Hand mit der geistigen, die unerlässliche Basis zur Gesundung und zur Neugeburt des jüdischen Volkes darstellt. * Das an und für sich sehr schöne Lied, welches A. Katz in seiner zwar sehr selbstbewussten, aber ziemlich wertlosen, Ton Irrtttniern wimmelnden Schrift „Die Juden im Kaukasus1, mitteilt, ist leider kein jüdisches, sondern ein ossetisches Volkslied, das er dem Bodeustedt’schen Buche „Die Völker des Kaukasus und ihre Freiheitskampfe gegen die Bussen“ (1865) entnommen und in geschickter Weise verändert hat. Vereins-Nachrichten. I. Borstandssitzung 12. 9. bei Apitsch. 1. Zum 2. Schriftführer, dessen Stelle frei geworden, wird Herr stud. jur. I. Heilbrunn

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