Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 1 (1900)
- Issue
- 6 (10.1900)
- Date
- 1900-10-01
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Xlo. 6. zarten Körper dieser kleinen Weltbürger zu ruinieren. Dazu kommt aber der Unterrichtsstoff selbst, der in Händen von vor Hunger verkommenden, vor Unwissenheit strotzenden Lehrern ruht; die Planlosigkeit des Unterrichtes, das Büffeln der Bibel im hebräischen Urtext ohne dessen grammatikalischen, ethymologischen oder syntaktischen Sinn, den der Lehrer, mit seltenen Ausnahmen, selber nicht kennt; Momente genug, um das junge Gehirn zu überbürden. Rechnet man noch dazu die sinnlose, manchmal grausame Art und Weise, mit welcher der Lehrer wegen Ungehorsam oder nicht rascher Auffassung des Vorgetragenen seine Schüler züchtigt, so lassen sich daraus leicht die traurigen Consequenzen ziehen. Ist das 10., ] 1. Lebensjahr erreicht, so beginnen die Gehirntorturen erst recht, durch die Einweihung in den Talmud, dieses Riesenwerk, in welchem zwar Schätze ethischer Cultur und praktischer Lebensweisheit aufgespeichert sind, der aber für heranwachsende Knaben ganz unverdaulich, für ihr Gehirn sehr anstrengend ist. Ist nun die Lehrzeit um, ist das 17., 18. Lebensjahr zu Ende, so tritt der Ghetto-Jude unfertig, unvorbereitet in's praktische Leben, heiratet so früh wie möglich, und der harte Kampf um's tägliche Brot beginnt Wenn er auch im besten Falle bis dahin ein Handwerk erlernt, so hat er es miserabel erlernt, und da er unter der Wucht einer drückenden Concurrenz steht, indem seine Thätigkeit fast ausschliesslich auf das Ghetto angewiesen ist, so wird er zum bedauernswertesten Geschöpf auf Gottes weiter Erde, und das langsam wirkende Gift der Noth und Entbehrungen setzt die früh begonnene Minierarbeit fort und untergräbt allmählich die Gesundheit dieser Elenden. Als Illustration könnte ich zahlreiche Fälle aus meiner Praxis anführen, wo Schneider, Näherinnen, Schuster durch eine Reihe von Jahren allwöchentlich meine Augenklinik aufsuchen und sich daselbst ihre, durcli ein chronisches Augenübel verkrümmten Wimpern, welche sie arbeitsunfähig machen, ausziehen lassen, anstatt sich einer Lidoperation zu unterziehen, die sie für immer von diesem Uebel befreien könnte. Dies geschieht aus dem Grunde bloss, weil diese Elenden, wenn ich sie auch unentgeltlich in's Krankenhaus aufnehmen wollte, keinen überflüssigen Heller besitzen, um während dieser 2—3wöchentlichen Behandlung^Frau und Kind nicht verhungern zu lassen. Arbeiter-Krankenkassen gibt's im Ghetto nicht. Die Folgen einer solchen, durch Jahrhunderte fortgesetzten, elenden Lebensweise und verkehrten Erziehung sind auch nicht ausgeblieben. Mir kommt dabei das Dichterwort in den Sinn: „Ihr führt in's Leben uns hinein,