Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 1 (1900)
- Issue
- 6 (10.1900)
- Date
- 1900-10-01
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4921092-5965003-5965140--0075-4921160- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Xlo. 6. 63. mentlich in Bussland und Rumänien durch Einschränkungsgesetze eine jede Carriere abgeschnitten, allmählich zu einem intelligenten Proletariat herabsinkt; mit Ausnahme des wenig zahlreichen mittleren Kaufmannsstandes, dessen Geschäftsrad zumeist mit geborgtem Oel in Betrieb gesetzt wird und sofort stille steht, sobald ihm der Credit entzogen wird; mit Ausnahme endlich von etwa 10—15,000 Colonisten im Cherson'schen und' Ekaterinoslaw'schen, besteht die übrige erdrückende Mehrheit der Ghettojuden aus Kleinkrämern, deren ganzer Waarenbesitz kaum die Abgaben deckt, die sie entrichten müssen, aus Handwerkern, deren Zahl erschreckend gross, laut statistischen Daten, die übrigens mangelhaft, nicht weniger als 400,000, aus Tagelöhnern die früh morgens sich auf die Suche nach Arbeit begeben und nicht wissen, ob sie abends der darbenden Familie das Geld zum Ankaufe eines Brotes mitbringen werden, aus Fabrikarbeitern (in Russland etwa 79,000), die um einen Spottlohn von 40—50 Kopeken 12—14 Stunden täglich arbeiten, und — Bettlern. Es ist ein grosses Vorurtheil, wenn behauptet wird, dass die Juden arbeitsscheu sind; es gibt kein noch so niedriges Handwerk, kein noch so schweres, von der Dachdeckerei angefangen bis zur Latrinen-Reinigung — das der Jude nicht verrichten sollte; in Litthauen sind die Juden fast die ausschliesslichen Handwerker; Tischler, Klempner, Schmiede, Schuster, Schneider, Lastträger, Maurer etc. etc. Jn Fabriken, wo physische Kraft und Ausdauer erforderlich, werden die Juden nicht verwendet, weil ihnen die erforderliche Muskelkraft fehlt; ausserdem kommt noch die Sabbathfeier hinzu, die störend dazwischen tritt, und endlich werden die Juden von Nichtjuden principiell nicht engagiert. Um dieses Menschenmaterial nun, um die körperliche Hebung dieser Unglücklichen, soll es sich handeln. Der Einfluss, den die Lebensweise der Ghettojuden auf ihre leibliche Beschaffenheit hat, ist nach dem eben Geschilderten leicht zu begreifen. Die körperliche Misere beginnt bereits im fünften bis sechsten Lebensjahre, wo die Jungens dem „Cheder" überantwortet werden, in welchem der Lehrer, Melamed, unumschränkte Macht über sie übt. Der enge, stinkende Raum, der Mangel jeglicher Ventilation, die abscheuliche Beleuchtung, die Abwesenheit hygienischer Schulbänke, und infolge dessen die gebückte Körperhaltung, die schiefe Kopfstellung beim Lesen und Schreiben; andererseits die enorme Stundenzahl des Unterrichts, — gewöhnlich von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, mit einer kaum einstündigen Recreationspause: Alles das wäre schon genügend, um den