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Jüdische Turnzeitung · 1900-09-01 · 5 (9.1900) · p. Seite 52

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
1 (1900)
Issue
5 (9.1900)
Date
1900-09-01
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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Zlo. 5. 52. aus Holzbaracken aufgebaut, die jeden Augenblick einzustürzen oder ein Raub der Flammen zu werden drohen, mit einem Hofraum, weit genug, um eine primitiv hergerichtete Senkgrube zu fassen, mit Gassen und Gässchen ohne Pflaster, die nach einem jeden Regen grosse Lachen und Wasserpfützen bilden; enge, dumpfe, kleine Stuben, häufig ohne Dielen und anstatt solcher ein Gemisch von Lehm und Schmutz, in welchem Mikroben zu Millionen wimmein; eine Synagoge, die eher einer schmutzigen Scheune, als einem Gotteshause gleicht; Schulen — Cheders — kleine Wohnräume, in welchen 10 bis 15 Rangen vom frühen Morgen bis zum späten Abend über den Büchern hocken, bei einer Beleuchtung, die einem Zwielicht gleicht und durch zwei bis drei kleine Fensterchen besorgt wird, die manchmal, statt Glasscheiben zu besitzen, mit halbdurchsichtigem Papier beklebt sind; kleine Verkaufbuden, dicht nebeneinander gesäet, vor welchen Verkäufer oder Verkäuferinnen, bei Hitze und Kälte, tagsüber auf einer Holzbank kauernd, nach Kunden spähen; zwischen diesen elenden Holzbaracken hie und da ein Ziegelhaus, in welchem der Vornehme des Städtchens wohnt: das ist das ungefähre Bild eines Ghetto-Städtchens, deren es unzählige gibt und die sich wie Eiterpusteln auf einer gesunden Haut ausnehmen. In den grösseren Judencentren allerdings sieht's schon viel besser aus; denn letztere haben bereits geordnete, städtische Verhältnisse, beherbergen in ihrem Weichbilde stattliche Gerichts- und Polizeigebäude, Mädchen- und Knaben-Gymnasien, Gewerbeschulen, Fabriken etc. etc. Wenn aber auch diese grösseren Städte bereits an europäisch geordnete Verhältnisse erinnern, wenn auch viele Juden daselbst in stattlichen, schönen Häusern wohnen, so ist auch hier der äussere Schein trügerisch, und ist es nur nöthig in die Schlupfwinkel des Massenelends zu dringen, um die unzweifelhafte Gewissheit zu erlangen, dass es „da unten ganz fürchterlich" ist. Anstatt meiner will ich nach dieser Richtung hin zwei Kronzeugen aus der christlichen Welt reden lassen, welche die grösseren Städte des Ghetto in Augenschein genommen haben. Der eine ist der bekannte Sociologe Anatole Leroy-Beaulieu in Paris. Er sagt: „Unter allen Völkerschaften des grossen russischen Reiches habe ich nichts Elenderes gesehen, als diese armen Juden, die in ihren langen Röcken und hohen Stiefeln, ohne Rast und Ruh, durch die Strassen herumschwirren, auf der Suche nach irgend einer Arbeit. Ich darf behaupten, dass in unserem Europa es nichts Aermeres giebt, nichts, was sich schwerer sein trockenes Brod verdienen muss, als neun Zehntel der russischen Juden."

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