Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 1 (1900)
- Issue
- 4 (8.1900)
- Date
- 1900-08-01
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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56. jetzt bei der unmittelbaren Berührung der conträren Volkselemente sich die Unmöglichkeit des Fortbestehens eines staatlosen idealen Gottesreiches herausstellte, da waren die programmmässig getrennten, ja feindlichen jüdischen Parteien eins in der Reaktion gegen das Fremde, da griffen sie zurück in den Schatz des Nationalgutes, den jeder in seinem Busen mit sich herumtrug, und holten aus der tiefen Begeisterung für die nationale Sache die Wafien hervor, die Rom anno 70 erzittern machten. —Nun war aber Jerusalem gefallen, der Tempel, das nationale Centrum, zerstört; dass gleichwohl der nationale Kern nicht schwand, ist die Probe aufs Exempel: .Die Transaktion des Volkslebens in das rein religiöse war gelungen. Unter dem Schutte trieb und drängte aber bald wieder warmes Volksleben, das, amalgamiert mit dem theokratischen Schattenleben, seinen kräftigen Ausdruck fand sozusagen in den Vorarbeiten für die messianische Zeit. Das patriotische und religiöse Hochgefühl flammte sofort nach 70 wieder auf und lockte die neuen Makkabäer Schaar um Schaar in die freien Berge, die noch keines Römers Fuss zu betreten wagte. Aber — das war nicht mehr die Nation, die einst unter Juda Makkabi gefochten hatte, das war ein zerrütteter Stamm mit heruntergearbeiteten Idealen, in dem in unklarer Weise die wilde Leidenschaft nach dem selbstvernichteten Nationalstaate aufloderte und aus ihm heraus dann die verzweifelten Banden schuf, die 50 Jahre lang im Lande wüteten unter der Devise: „Gott allein ist Herr, der Tod gleichgültig, die Freiheit alles". Auf Gassen und Märkten erstanden wiederum Propheten, Orakel wurden wohlfeil, Stumme beredt, Blinde hatten Visionen und alles kündete einmütig das messianische Reich. Das schuf Leben, fieberndes Leben — aber an Organisation, an ein einheitliches Handeln dachte niemand mehr; die Wundermänner hatten gesprochen, die Insurgenten konnten toben. Eins war aber vorauszusehen, dass, sobald ein überlegener Geist die wilden Massen unter seinem starken Kommando zu planmässiger, kräftiger Aktion zwingen konnte, dann ein Vernichtungskrieg ohne Gleichen ausbrechen musste; nicht ein Krieg zwischen Macht und Macht um die Übergewalt, naturgemäss auch nicht so sehr ein Krieg um die Freiheit als um' die Vernichtung des Gegners auf judäischem Boden. Jeder Versöhnungsversuch wurde daher von vornherein als todeswürdiges Verbrechen, als Verrat an der Nationalsache verpönt. Ein weiteres Zusammenleben war eben einfach unmöglich. Und Mann und That kamen. Richtiger, zwei Männer kamen, Rabbi Akiba und Bar Kochba, in dem einen der Organisator, in dem anderen der Feldherr. Der grosse