Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turnzeitung · 1900-08-01 · 4 (8.1900) · p. Seite 35

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
1 (1900)
Issue
4 (8.1900)
Date
1900-08-01
Page
Seite 35 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4921092-5965003-5965138--0045-4921132
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Xlo. H. 55. Stütze befreiten und auf eigenen Füssen gehen lehrten, war man durch die innere Zerklüftung und durch das Überhandnehmen von Parteien ' die, den Staat ignorierend, die Nationalität allein in der Religion festzuhalten suchten, bereits hundert Jahre später wieder so herrlich weit, dass ihr entnervter Nachfahr Hyrkan II. sich in die Klientel einer fremden Macht flüchten musste. Diesmal hiess Judas selbstgerufener Büttel: Rom. Es war nur ein weiterer Schritt, wenn das jüdische Volk unter des kräftigen Herodes schwachem Nachfolger Archelaos im Jahre 6 v. Chr. selbst sein Land Rom als Provinz hingab. Nicht Vaterlandsverräter, ehrliche Schwärmer, gleich stark im Glauben wie schwach im Denken, beugten vor Augustus Knie und Nacken nnd bateii um die Fremdherrschaft. Und man muss ihnen wenigstens opferwillige Konsequenz nachrühmen. Erkannten sie den Staat dessen Wurzel sie selbst durchschnitten hatten, als unhaltbar, so war sein Preisgeben ihnen immerhin ein Opfer, aber ein Opfer zur grösseren Ehre Gottes, und — das Nahen des messianischen Reiches war um eine Station beschleunigt. Festzuhalten ist bei diesem flüchtigen Blicke über eine fünfhundertjährige Entwickelung, dass den Juden im Heimatlande eine grössere, in rechtlicher Sonderstellung lebende Diasporajudeoschaf't zur Seite stand. Dieselbe verhalf dem jüdischen Volke insofern zu einer eigentümlichen Machtstellung, als die staatliche Centrale so mit ihren tausendfältigen Armen in das Leben der ganzen Welt eingriff, andrerseits, wie bei einem Nervensystem, jeder Druck, der den kleinsten versprengten Teil traf, im heimatlichen Centrum und allen Zweigen mit vollster Heftigkeit nachzitterte. Rom erkannte diese eigentümliche Macht des jüdischen Volkes auch nach seiner politischen Selbstvernichtung vom ersten Tage an genau, erkannte mit feinem politischen Takt auch die Kräfte, die seine Entwickelung — die Entwickelung auf der schiefen Ebene — bestimmten. Seine politische Parole lautete daher: Förderung der rechtlichen Sonderstellung der Diaspora einerseits, schonungsvolle Durchführung des Reichsregiments möglichst unter Aufrechterhaltung des Status quo in Judäa andrerseits. Eine meisterhafte, scheinbar durch gegenteilige Mittel in Scene gesetzte Nivellierungspolitik, die auch durchgeschlagen wäre bei jedem Volke, das mit etwas grösserer innerer Notwendigkeit sich selbst zur Strecke gebracht hätte als das Zionsvolk. Dieses hatte aber vor dem Falle die Nationalität im Cult und in der Wissenschaft geborgen und sich damit einen unversieglichen Born frisch quellender Volkskraft in die Vernichtung hinübergeiettet. Und als

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.