Korrespondenzblatt des Centralbüros für Jüdische Auswanderungsangelegenheiten des Hilfsvereins der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Centralbüros für Jüdische Auswanderungsangelegenheiten des Hilfsvereins der Deutschen Juden
- Volume
- 1905
- Issue
- 6 (15.8.1905)
- Date
- 1905-08-15
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Tage aii, an dem sie in Libau eintreffen. Die Herbergswirte haben ihnen die Rechnungen vor Abfahrt des Dampfers zur Begleichung vorzulegen. Um nun eine Kontrolle über die Herbergen zu gewinnen, hat das Libauer Komitee mit den Schiffsgesellschaften die Abrede getroffen, daß keine Rechnung für jüdische Emigranten beglichen werden darf, die nicht vorher dem Komitee zur Einsicht vorgelegt war. Dadurch hat das Komitee sich die Möglichkeit verschafft, die Herbergen genau zu überwachen. Alle Herbergen sind untersucht lind je nach ihrer Beschaffenheit in verschiedentlich abgestufte Kategorien eingeteilt worden. Solche, die das Komitee in sanitärer und sonstiger Hinsicht nicht für geeignet hält, werden von jeder Berücksichtigung ausgeschlossen. Die anderen sind unter dauernde Überwachung gestellt. Raumverhältnisse, Betten und Wäsche sind untersucht worden. In jedem Zimmer sind Tafeln angebracht, auf denen genau verzeichnet steht, wieviel Personen in dem Räume wohnen dürfen, welcher Preis zu zahlen ist und vieles andere für die Emigranten Wissenswerte. In allen Ankündigungen wird darauf hingewiesen, daß jeder jüdische Emigrant sich in Beschwerde- und Zweifelsfällen an das Bureau wenden möge. Die Arbeit des Bureaus ist so groß geworden, daß ein ständiger bezahlter Sekretär angestellt worden ist. Dieser beantwortet die eingelaufenen Korrespondenzen und fibt auch allen Auswanderern mündliche Auskunft. Äußerem stehen jeden Nachmittag zwischen l/22—Va3 zwei Herren des Vorstandes den Emigranten zu jeder gewünschten Auskunft zur Verfügung. Geldunterstützung gewährt das Bureau unter keinen Umständen. Auf dem Bahnhof ist zu jedem Zuge ein Beamter des Bureaus anwesend, der als Erkennungszeichen eine Mütze mit dem Namen der Ica (der das Libauer Komitee unterstellt ist) trägt. Dieser nimmt die Auswanderer in Empfang, sorgt für ihr Gepäck und bringt sie nach den empfehlenswerten Herbergen. Jeder erhält eine Karte mit dem Namen der Herberge, nach der er gewiesen wird. Der Kontrolle halber, um zu sehen, ob er in dieser Herberge auch gewohnt hat und nicht etwa von einem Agenten schließlich doch noch verschleppt worden ist, wird die Karte am nächsten Tage abgeholt. Die meisten Einwanderer treffen am Mittwoch oder Donnerstag ein, die Dampfer gehen am Samstag von Libau al). Auch bei der Einschiffung sind Beamte des Bureaus anwesend, sodaß die Emigranten vom ersten Eintreffen an bis zum Besteigen des Schiffes unter ständigem Schutz des Komitees stehen. Viel Kummer und viel Unheil ist schon jetzt durch die segensreiche Fürsorge den Auswanderern erspart worden. Beachtenswert für die Auswanderer ist, daß diejenigen, die von England aus weiter reisen wollen, keine direkten Fahrkarten nehmen müssen. Es ist möglich, Fahrkarten nur nach England zu lösen und erst dort für die Weiterfahrt die Schiffskarten zu kaufen. Auswanderer, die 2. Klasse reisen wollen, seien darauf aufmerksam gemacht, daß in Libau selbst nur wenige Plätze 2. Klasse zu erhalten sind und daß sie daher gut tun, sich schon vorher mit solchen Billets zu versehen. Canada. Folgender Brief eines Auswanderers aus Canada ist uns freundlichst zur Verfügung gestellt worden. „Ich war in Wapella bis nach Ostern, ich half noch den Weizen säen, und da ich nach Ostern sah, daß der Farmer überhaupt keine Arbeiter braucht, so ging ich von Wapella nach der Provinzstadt Regina und dank dem Umstand, daß ich ziemlich gut englisch spreche und schreibe, bekam ich eine Stelle bei der Eisenbahn in einem kleinen Städtchen Creelman, welches 73 Meilen von Regina entfernt ist (von Wapella wird es vielleicht 175 oder 200 Meilen entfernt sein). Mein Lohn ist 1,45 Dollar per Tag, verköstigen mußte ich mich selbst. Die Arbeit besteht darin, daß wir den ganzen Tag auf einer sogenannten Handcar eine Strecke von 10 Meilen, die Sektion genannt wird, auf der Linie fahren und überall nachsehen, wo etwas fehlt, und es gut machen. Es sind drei Leute dabei beschäftigt, zwei Engländer und ich. Hier an diesem Platze gibt es nur Engländer oder Canadiers. Ich spreche und schreibe schon ziemlich gut englisch; wenn Sie es wollen, so werde ich Ihnen den nächsten Brief englisch schreiben, damit Sie sehen, wie weit ich es in so kurzer Zeit im Englischen gebracht habe. Ich glaube in diesem Sommer meine 130 bis 150 Dollars sparen und mit diesem Geld im nächsten Frühling eine Heimstätte erwerben zu können. Jedenfalls tut es mir nicht leid, daß ich nach Canada gefahren bin." * * * Der Board of Guardians for Relief of the Jewish Poor in London schreibt uns folgendes: „In der letzten Zeit kommen zahlreiche Familien aus Rußland nach London, die vollständig mittellos sind und in London auf Unterstützung rechnen, damit sie ihren Männern oder Vätern nach Amerika, Canada oder Argentinien nachfahren können. Der Board of Guardians hat beschlossen, unter keinen Umständen für diese Familien etwas zu tun.' Die vor kurzem erst eingewanderten Häupter dieser Familien können noch nicht so gut gestellt sein, daß sie die nachfolgenden Familien zu ernähren im Stande sind. Diese Familien erwartet also in London die größte Not. Auf Unterstützung zum Lebensunterhalt können sie ebenfalls nicht rechnen, da der Jewish Board of Guardians niemand unterstützt, der nicht mindestens bereits 6 Monate in England sich aufhält. Das einzige, was sie zu erwarten haben, ist, daß sie nach Rußland zurückgeschickt werden. Es ist daher mit allem Nachdruck davor zu warmen, daß Frauen und Kinder ohne die genügenden Mittel, um zum Endziel zu gelangen, sich auf die Reise machen. Sie setzen sich dem allergrößten Elend aus." Anmerkung. Wir können dem hinzufügen, daß auch die deutschen Organisationen denselben Standpunkt einnehmen, wie der Jewish Board of Guardians und daß unter keinen Umständen mittellose Personen jetzt in Deutschland eine Unterstützung zur Auswanderung zu erwarten haben. * * * Unser Bureau wird vielfach auch von christlichen Auswanderern, namentlich aus Österreich und Rußland, um Rat und Auskunft angegangen. Viele nichtjüdische russische Emigranten wenden sich, auch an den Grenzstationen, an unsere Vertrauensleute. Wir haben schon oft durch unsere Vermittlung den einen oder andern vor Schädigungen und Nachteilen, die ihm aus seiner Unerfahrenheit sonst erwachsen wären, behüten können. Es ist selbstverständlich, daß wir und alle unsere Komitees solchen Beistand gern gewähren. * * Die jüdische Ackerbaukolonie „Hirsch" (Assinibria) in Canada teilt uns mit, daß für die im August und September stattfindende Ernte jüdische Erntearbeiter Beschäftigung finden könnten. Aber nur solche Einwanderer werden gewünscht, die bereits einige Erfahrung im Ackerbau haben. Als Manuskript gedruckt. — Druck von H. S. Hermann in Berlin.