Mannheim
Compact Memory

Jüdische Auswanderung · 1939-01-01 · Januar 1939 · p. Seite 87

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1939. Bestand UB Ffm
Issue
Januar 1939
Date
1939-01-01
Page
Seite 87 (sequence 93)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/6492429-6349390-6349440--785-4921039
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

lebtet bin, die un * au« dem Gefahl heran«, daB ich .. umadfrftnkte Wahrheit zu schreiben, an nicht unnötige Illusionen ,uIIwdh m laaaen. Wer also — wiederhqlt betont — mit V v"MMt*I3h«Dden spanischen Sprachkenn tnisaen — nicht nur einigen wenigen Brocken der Verstftndigungsmöglichkeit — herkommt und gewillt ist, jede erdenkliche Arbeit «hr jeden erdenklich geringen Lohn anzunehmen (immer vorausgesetzt, daß er ein paar „Pimperlinge" hat), der wird allmählich — mit größter Geduld — sich einordnen können; besser jedoch, wenn er einen speziellen Beruf hat wie Autoschlosser, Bauklempner, Maurer, »teutischler, Zmimermann. LedoiaibciteT usw., Landarbeiter, Landwirte usw. (diese möglichst mit Kapital). Am Taigaima»in Sonnabend waren wir — zam. erstentnaf — zu einem (hier sehr üblichen) Cocktail geladen, wo etwa 70<Vb Uruguayer, 26*> Engländer and S*> Deutsche waren: mos «raten Male hatte ich so recht Gelegenheit, in einer Gesellschaft mich spanisch zu unterhalten. Im Beruf spreche ich ia viel spanisch, aber so gesellschaftliche Unterhaltungen sind doch etwas anderes, and Ich muß — mich selbst rühmend ^- sagen, daß ich mich recht gut unterhalten habe and mich "Bürchaus nicht fremd ia diesem illustren Kreise fühlte, -in den zu kommen --nhriffMis Emigranten -efton Gelegenheit haben. Meine Frau half eich recht gut mit Englisch, und wir verbrachten, allerlei hiesige Spezi all taten verzehrend, aaste Stunden in dem gastlichen Hause meines Chefs and Freunde«. Ansonsten kommt man nicht viel aus dem Haas heraus, mal zu Bekannt—, abwechselnd dann wieder im unserer gemütlichen Wohnung; — mal ins Kino, wo oft recht gute nordamerikanische Filme gegeben werden, auch manchmal argentinische Filme, an die man sich erat gewonnen muß, — nicht allein wegen der spanischen Sprache, sondern auch wegen der auf hiesiger Mentalität aufgebauten Handlung. Die amerikanischen Filme erscheinen hier auch in englischer Sprache, onterblendet mit spanischen Texten, so das man gerade im Kino viel Gelegenheit hat zu Ismen. Ich. sehe es an mir selbst, wie wichtig der Unterricht bereite ia Deutschland war; dann wenn man liier auch noch soviel anlernt, Grundlage ist die Grammatik, and "außerdem gibt es hier so viel Worte und Ausdrücke. und sogenannte „Rioolatensismen", d. h. hier speziell gebrauchte Ausdrücke, zuzulernen, daß noch eine lange Weile vergehen wird, bevor ich z.B. von mir sagen kann, daß ich einigermaßen perfekt spreche." ' Dar folgende Auszug au« einem Schreiben aus Montevideo vom 28. 6. 1938 behandelt vor allem die Wohn * Verhältnisse: VJ ,,Ema «panische Wohnung ohne Fenster, für unsere Anschauung ein Hinterhaue so ebener Eide, nicht unterkellert, . aber mit eigenem Eingang von der Straße' aus, kostet 25—30 I ^. (Peso) monatlich. Sie enthalt «inen Mittelraum mit verschiebbarem Giebelglasdach, da« zur Lüftung and Beleuchtung der ganzen Wohnung dient, and von diesem Mittelraum ausgehend meist zwei Zimmer von zirka SViXSYi m, einen Toilettenraum . stets mit Brause and Anschluß-Waschbecken, von zirka ly.Xi m und eine Küche von gleicher Größe mit kleinem Aufwasch- — beokea- und Abstellmarmorplatte, aber ohne Herd, Sie hat stets Kraftetromanschluß, m manchen Gegenden kernest Gasanschluß. Der Mittelraum wird zirka 2^x4 m «ein. Dasselbe in etwas größerer Form; Mittelraum größer and noch ein drittes Zimmer and ttber den Zimmern eine benutzbare Dachflache zum Wäschewaschen und -trocknen and Liegestuhl-Aufenthalt mit aus der Wohnung direkt hm aufführender schmaler Treppe, kostet 80 bl* -88 I. Diese Wohnungen können auch ia sehr hübscher Gegend liegen, ohne deshalb teurer zu sein, sind aber oft feucht und unhygienisch, besonders für kleiner« Kinder. Wohnungen im Muster deutscher Siedl angebauten ohne Beheizung mit kleinen Zimmern der oben angegebenen Größe, aber mit richtigen Fenstern ia jedem Zimmer,' größeren Badezimmern mit richtiger Wanne und Anschloß für «inen im Besitz dae Mieters befindlichen Badeofen, Gas und Strom, and auch ritt größeren Küchen and entweder Dachgarten im obigen Sinne oder einem kleinen direkt an die Wohnung angeschlossenen Hof kosten je nach Zahl der Zimmer 40-86 I. Sie können an ebener Erde eder auch im ersten Stock liegen. Sind — soweit sie keine Neubauten sind oder zu nahe am Meers liegen. Im allgemeinen trocken und gesund — In fast derselben Preislage gibt es euch Wohnungen in alteren Haasern mit mehr Raum, größeren Zimmern and dafür weniger Komfort, av B. ohne Bedewanne '^c m : «-« >,>■> ■sfj und nicht ungezieferfrei Elegante . Wohnungen ia Hochhäusern mit Zeah oft Warmwasser und Müllschluckern sowie natürlich Fahrstuhl, aber auch ideinen Zimmern «ad Küchen ohne jeden Ahstellranm kosten von 80—100 t. Di« Ernährung für zwei Personen mit gemischter Kost, wie wir es halten, kostet zirka 80 8/ im Monat. Bei wiaiger Gemüse and Obst und Butter, dafür reichlicher Fleisch und Knochen mit Rindertalg kenn man mit 208 auskommen, ich halte ss aber für ungesund. Elektrizität ist im Verbrauch sehr b4Ug, elektrisch« Herde aber nicht ohne weiteres anreerhlfcdWn Zwad«toU«o-Kochplatten bis, 2000- Watt Ansoalnowert sind in jedem Privatnauahelt gestattet und leicht anzuschließen. Für Gerate höheren An schlußwertes werden vom hiesigen Elektrizitätswerk aus besondere Zuleitungen verlangt -die erhebliche Kosten verursachen können. Das elektrische Kochen erfordert natürlich besondere Töpfe, die ebenfalls daheim leichter und billiger zu beschaffen sind als hier. Elektrisch« Geräte selbst können evtl. außerdem bei Ankunft hier noch Zoll kosten, das wechselt sehr, wie man Glück oder Pech hat, aber die Mehrzahl der in den letzten *4 Jahren hier Angekommenen hat bluten müssen."» * Auszug;aus dem Brief einer im Herbst 1937 von Breslau nach Uruguay ausgewanderten Aerztia: „Dann kam Montevideo, wo wir genau am 20. Oktober anlangten, and nur zu schnell standen wir wieder im bitteren Emil des Lebens. Die ersten Eindrücke der Stadt, die fast die Ausdehnung von Berlin. hat, aber Iceine Schnellverbinduogen besitzt, waren durchaus günstig, — solange man nicht zu tief hineinschaut. Außer dem Hafenviertel sind sämtliche. Straßen mit schOnen Baumen bepflanzt; breite Boulevards and moderne Hochhäuser geben dem trächtigen Besucher das Bild einer anteri- -Gr<in«1«iB- (ahai Hiits« aanerhalb der Hauptstraße kommt man sich mitten TB* der Stadt bereits wie vor, nicht nur durch den ländlichen Gerach and die zahlreichen unbebauten Flachen, sondern auch durch den Stil der Heuser und daa Auftreten der Bewohner. Rings an der Meeresküste entlang geht die RamJa, eine breite geteerte Autostrafte von würdigem Aussehen, aber leider völlig schattenlos und mar ganz sehen mit Anlagen aasgebaut. So sehen die Straften für die Autofahrer sind, die hier abends. und Sonaten» ia einem so eigenartigen Schneckentempo ia Reih und Glied dahmkriechen. so wenig Freude machten sie dem Fußgänger, der hier allgemein viel schlechter wegkommt, weil derartiger".J^port nicht vor- Es gibt hier, noch stark dem Charakter eines KoloniaUande« entsprechend, nur reich und arm, «ine Schicht von Beeitzendeif und von Dirneaden. Der Reiche bat sein Aufb, aber keinen Kinderwagen, der Arme hat nichts, was in sportlicher Beziehung dem deutschen Mittelstands entsprechen würde. So bekommt such ' das Bild 'von Montevideo einen ganz anderen Charakter, wenn man nicht als Tourist, sondern als Einwanderer mit einem schmalen Geldbeutel in die hinteren Tiefen des hiesigen. Lebens dringt. Da sieht man hinter dea äußerlich ganz netten Haasern furchtbar mikrige, .verbaute Wohnungen und ungeheures Elend. Alle Angestsllten 18bne sind ungeheuer niedrig und reichen mit Not und Mühe zum EristeniiateiiassnT, das aber in hygienijeher Beziehung weit hinter dem1 zurücksteht,,, was wir einet dafür hielten. Die hilligen Wohnungen sind noch spanischer Sitte fensterlose Zimmerchen, rings um ein Patio, d. h. einen Mittelraum mit rackschiebbarem Glasgiebeldach gelegen, von dem sis Luft and licht erhalten. Die billige Ernährung besteht ans se viel Fleisch, wie es die wenigsten Magen bei -der hiesigen Temperatur vertragen. Größere Ansprüche, wie eine gemischte Kost mit reichlich Gemüse, Kartoffeln and Butter, und eine europäische Wohnung mit richtigen Fenstern sind schon erheblich teurer. — Selbständige Arbeit, bzw. Unternehmung kann erheblich eintraglicher sein, wenn man etrichtig versteht und sich von niemandem reinlegen laßt. Jedenfalls gehören dazu, nach meiner. Ansicht, mehr Sprache und Lsndeakenernisse vor allem, als man im ersten Jahr hier erwerben kann. Ana allem zusa-umen ersiehst Du, daß der* Existenzkampf hier, sicher nicht leicht ist. Weibliche Weeea finden, v*Je wohl fast uberall, im Haushalt, Pensionen, Waschanstalten und ahnlichem verhältnismäßig leicht Stellung, sind aber auch hundsmiserabel bezahlt, .and werden oft ausgenutzt. Kaufmannische Stellangen sind schon ganz bedeutend schwerer zu bekommen, zumal im Augenblick auf diesem Gebiet eine ausgesprochene Beisse herrscht. Hochwertige Stellungen habe ich bei Frauen noch nicht gesehen. Die gesellsch af11iehe Stellung dar Freu ist im spanischen Land am Problem für sich; eis macht sieh in umsrsni kleinen Verkehrskreis« bisher nicht bemerkbar, — Und zum Abend-ausgahen fehlen sowieso die Mittel and auch die Anregung. Es soll aber verschiedene europäische Kaffees geben, ia die Frauen auch abends ruhig gehen i können. La Finsteren allein auf unbelebteren Straften zu.gehen, soll man als Frau jedoctrvenneideu, — jetzt, wo es lange hell ist, macht das nicht viel aus, aber im Winter werde ich mich wohl von dieser Bravheit auaschließen müssen. Daa Klima War im Anfange durchaus angenehm, zeigte nur die bekannten starken Temperaturand Luftdruckunterschiede, an die wir ans erst gewönnen müssen. Seit sechs Wochen ist es jetzt eicht mal se heiß, aber »ausgesprochen schwul und drückend durah die feuchte Warm«, und das so chronisch, daß sowohl die körperlich« wie die geistige Arbeitslu»t stark darunter leiden." Der.folgende Bericht (vom 10. Juli. 1087) schildert die Verhaltnisse eines kleineren Orten: «loh hatte Gelegenheit, von Montevideo aas die Stadt Paysandn an besuchen. - -'• I. ' ■■■ I I k 87 HnF ■ata?. r ri iiiaTtaw .V.. .'. mm mm

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.