Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1936. Bestand UB Ffm
- Issue
- September 1936
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 60 (sequence 62)
- Language
- German
- Belongs to
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t r nilen brachte eine große Anzahl, nnrdsnierikanischer Techniker ins Land, die den Brasilianern einen Begriff vors Arbeitsgebiet der modernen Ingenieure vermitteln. In Rio de Janeiro befindet «ich die offizielle Universität das flamlm! salin Ferner bestehen zwei pritani Universitäten in Bello Horizonte (Miaas Genas) and Curitybn (Parann); darüber hinaus gibt es 56 einsahst Fakultäten, die akademische Grade verleihen, und eiae große Anzahl hoher«r Fachschulen, technische, landwirtschaftliche r and Handelshoch- (Z. T nach: /ahe—na B.faWfl, >oi/ifn"./ Ueberaus stark ist im ganzen brasilianischen Erziehung»- und' Bildungswesen, ja im Kulturleben des Landes Oberhaupt, der Ein flau der katholischen Kirche. Fast die gesamte Bevölkerung Brasiliens — ausgenommen nur etwa 6 »o, die zum großen Teil heidnisch sind — ist katholisch. Doch wird die Macht der Kirche allmählich durch den Einfluß der Industrialisierung und die damit verbundene Verstädterung der Arbeiterschaft untergraben. — Allen nicht-katholischen Religionen steht der Brasilianer alt großer.Toleranz gegenüber. VI. JWanarhM Leben * Wahrend Argentinien bei einer Bevölkerung von 12,4 Millionen ober eine Viertelmillion Juden zahlt, hat das ungleich größere und volkreichere Brasilien nur einen ' verschwindend geringen Prozentsatz von Jaden aufzuweisen: nämlich 50 —60 000 unter 47 Millionen Einwohnern, also nicht viel .mehr als 0,1 % Als jüdisches Einyvanderungsjand gewann Brasilien . erst in den zwanziger Jahren, d. h. nach Einführung der scharfen Einwanderungsbeschränkungen in den Vereinigten Staaten, wirkliche Bedeutung. Wahrend in den Vorkriegs- und , Kriegsjahren, «von 1900—1920 nur etwa 200 jüdische Immigranten jährlich ins Land kamen, stieg ihre Zahl in den zwanziger Jahren bis auf 6—7000 jährlich. Als aber 1930 infolge der Weltkrise auch in Brasilien scharfe Einwanderungsbestimmungen in Kraft traten, sank sie scRnel 1 ab und bewegte sich seitdem zwischen 2000 und 3000 im Jahre. — Der große ost jüdische Einwanderer-, -ström in dem Jahrzehnt von 1920 bis 1930 bewirkte, daß die Gesamtzahl der Juden in dieser Zeit sich beinahe verfünffachte. ■■/ , Von den. brasilianischen Juden leben etwa 70".. i n den beiden Städten Rio. de Janeiro'und Sio Paulo, und $war in Rio 20 000 und in Sio Paulo 15000 In diesen beiden Stidten hat sich, ein bedeutsames jüdisches Eigenleben entwickelt In Rio. erscheinen drei jüdische Zeitschriften in portugiesischer Sprache, ferner ein Tageblatt in jiddischer Sprache, die „Folkszeitung", und das die Interessen der Arbeiterschaft vertretende Wochenblatt „Jiddische Presse". Auch in,Sio Paulo erscheint eine portugiesisch-jüdische und eine jiddische Zeitschrift und in deutscher Sprache das Organ des dortigen jüdischen Hilfsvereins (Sociedade Israelita Paulista). Eine große Reihe geselliger und sozialer Vereine und landsmannschaftlicher Gesellschaften vereinigt die jüdischen Einwanderer in diesen großen Stidten. Auch unter der judischen Immigration aus Deutschland hat sich, besonders in Sio Paulo, ein enger Zusammenhalt gebildet, der in kulturellen und geselligen Veranstaltungen des dortigen Hilfsvereins seinen Niederschlag findet. Man schreibt ^Aen wirtschaftlichen Aufschwung Sio Paulos bis zu einem gewissen Grade seiner jüdischen Bevölkerung zu. Die Papierindustrie, die Strickwaren- Industrie, die Kleiderkonfektion und die Möbelfabrikation wurden von Juden begründet. Die große Masse der Juden ist im Handel tätig, und unter ihnen Abt wiederum ein großer Teil den Beruf des Hausierers, des „Klappers", aus. Für die kulturelle Betreuung der Juden Brasiliens sorgen nicht nur die Vereine und die religiösen Lehranstalten der einzelneu Gemeinden, sondern auch die ICA, die in den Städten Brasiliens insgesamt 25 Schulen unterhält. In Rio de Janeiro gibt es ein hebräisches Gymnasium, ebenfalls eines in Sio Paulo, an dem aber außerdem auch jiddisch unterrichtet wird. Auch in anderen Stadien befinden sieh größere jüdische, Niederlassungen, so in-Pari (9000 Jaden), Recif« (1560 Jaden) and Behia (1*80 Juden). Die Zand dar Jadea in den übrigen , V : : m, . , Städten, von deaea besonders Porto Alegre und-Curityba gewisse Mittelpunkte darstellen, dürfte 7500 betragen. / In diesen Stachen labt dar größte Teil der Juden ebenfalls vom Handel, and zwar vom ambulanten. Voa den 800 jüdischen Famiben Recifes leben 250 vom Hausier- und Abzahlungshandel und 25 'vom Ertrage eines Kaufladens. Aehnlich sind die Verhältnisse in Bahia, wo von 150 Familien 120 vom Hansler- und Abzahlungshandel leben aad nur 25 sieh von einem Ladengeschäft ernähren. Den Bemühungen der ICA ist es zu danken, daß auch in Brasilien «in Teil der Juden — etwa 2000 bis 3000 — heute landwirtschaftlich tätig ist. Die IC A - Kolonien Philippeon und Quatro Irmaos liegen im Staate Rio Grande do Sul. Leider aber hat sich auch hier, insbesondere unter der zweiten Kolonistengeneration, gezeigt, daß das Stadtleben die jungen Leute vom Lande wegzieht; es setzte eine gewisse Landflucht ein, und man Heß seine Landereien vielfach von nichtjüdischen Pachtern und Landarbeitern bewirtschaften. - Dazu kommt noch, daß das Wohlergehen der jüdischen Kolonien, die durch moderne landwirtschaftliche Methoden vor anderen Farmen und Kolonien einen Vorsprung haben, nichtjüdische Landwirte in nicht unbeträchtlicher Zahl anzieht. So kommt es, daß in Oestro Irmaos die Zahl der Nichtjuden die Zahl der Juden schon erheblich übersteigt. Die Gefahr der Assimilation und des Aufgehens in der Landesbevölkerung ist bei landlichen Siedlungen unter diesen Umstanden groß, vor allem auch, da die heranwachsende Generation nicht die Bildungsstätten, die ihnen jüdisches Wissen vermitteln, zur Verfügung hat, und ihr auch häufig zum Erwerb dieses Wissens die Zeit fehlt Die ICA bemüht sich deshalb vor allem auch um den Schulunterricht in den Kolonien und hat zu diesem Zweck vier Schulen in den landwirtschaftlichen Siedlungen geschaffen. ' -----— ■ —' * (Zum Teil nach Mark Wisehnilzer, „Dir Jaden in der WW und einer Auftatzreihe Artur Rappins in der „Jüdischen Rundschau", »36.) VII Aussichten lür Einwanderer ■ * ' '.'* .v i /* .? * v " * * ' . £jj Allgemeines. , '-'.'-'« '.Die 'Einwunderung von Juden aus Deutschland in Brasilien hat sich bisher fast ausschließlich auf die beiden großen Zentren Säo Paulo und Rjo de Janeiro konzentriert. Neben dem gunstigen Klima. und 'der starken wirtschaftlichen Tätigkeit an beiden Orten fällt hierbei, ins Gewicht, daß nur diese beiden größten Städte des Landes eine starke jüdische Bevölkerung aufweisen und auch jüdische Hilfskomitees besitzen, die sich der neu Eingewanderten tatkräftig annehmen: in .Rio de Janeiro ist es die Sociedade Beheficientc Israelita, in- Sio Paulo die Sociedade Israelita Paulista. - Dochhat die Tatsache, daß in Rio wie in Säo Paulo, viele l ausende schon länger ansässiger Juden wohnen, nicht den Wert, den starke indische Gemeinden in manchen andern Ländern, wie z. B. in Südafrika oder Argentinien, für den neu einwandernden Juden aus Deutschland haben; dann die brasilianische Juden heit ist, zum großen Teil beasarabischar und polnischer Herkunft und versteht vielfach kein Deutsch, se daß sich dar Einwanderer, der weder Portugiesisch noch Jiddisch MisUsil, schon aas sprachlichen Gründen mit den länger 'ansässigen Ostjuden nicht rächt verständigen kann. Außerdem erfreuen sich, wie es heißt, die Juden aus Deutschland aber in jenen Kreisen zum Teil auch keiner besonderen Beliebtheit, was auf die Hilfsarbeit erschwerend wirkt. Andererseits sind die Jadea aus Deutschland in der Iber wiegenden Mahrsaal erst kurze Zeh im. Lande und verfugen dementsprechend nur Ober geringen wirtschaftlichen Einfluß Um so mehr ist anzuerkennen, was das -ganz vorwiegend aus Juden aus Deutachland bestehende obengenannte Komitee in Säo Paulo für die Auswanderer leistet. »' Die Tatsache, daß sich bisher die Einwanderung fast nur auf die beiden größten Städte des Landes konzentriert hat, tragt aicher aar Erschwerung der Unterbringung s m ög Ii c h k e i t e n bei. Es ist nicht zweifelhaft, daß auch außerhalb dieser beiden Punkte, nicht zuletzt im tropischen Norden (Recife, Bahia usw.), der freilich nur für kerngesunde Naturen in 'Frage kommt, / mancherlei Existenzmöglichkeiten such in kaufmännischen Berufen vorhanden sind. Naben dar besonderen Struktur dar jüdischen Gemeinden in Rio und Säo Paulo und der ungesunden Zu sammenballung der ganzen Immigration an diesen beiden n i) A