Mannheim
Compact Memory

Korrespondenzblatt des Centralbüros für Jüdische Auswanderungsangelegenheiten des Hilfsvereins der Deutschen Juden · 1927-03-01 · März/April (1927) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Korrespondenzblatt des Centralbüros für Jüdische Auswanderungsangelegenheiten des Hilfsvereins der Deutschen Juden
Volume
1927
Issue
März/April (1927)
Date
1927-03-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4920222-6348831-6349413--112-4920296
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Präsident sollte die Quoten am oder vpr dem. i. April zur Verkündigung bringen. In Rücksicht auf Bestehend« gesetzliche Vorschriften ist' im letzten Augenblick ein Provisorium zustandegekommen, wonach du Inkrafttreten der neuen Einwanderungs-Quote um ein Jahr verschoben wird, und die gegenwärtigen Bestimmungen also bestehen bleiben. lieber die Aussichten von - Einwanderern in die Vereinigten . Staaten äußert sich u. a. ein Korrespondent tfer „Berliner Morgenpost" im Oktober vorigen Jahres sehr pessimistisch. (Nr. a4g vom 17. Oktober ig»6.) Der Artikel sei auszugsweise nachstehend angefahrt; insbesondere handelt es sich um Ein- ■ Wanderung aus Deutschland. ..Gerado die mindest geeignete Sorte deutscher Auswanderer dringt nach New York. Obwohl sie sich sagen müßte, daß eine Achtmillionenstadt mit ihrer scharfen und rücksichtslosen Konkurrent den härtesten Bodew'iür .freie Berufe' abgibt. Mit einer Ausnahme: -anständige junge Mädchen, die sieh auf Hausarbeit verstehen und ein bißchen Englisch sprechen, können hier verhältnismäßig leicht Stellung finden. ... Kaufmännisch Beamte, Händler, Agenten ohne feste Vertretungen, . *. Lehrer, Aerzle, Baumeister werden kaum irgendwo in der Welt so ungünstige berufliche Voraussetzungen finden wie in New York. Ea gibt viel zu viel Universitäten in Amerika und .Colleges' dazu. Die Zehntausende absolvierter Studenten nehmen mit den bescheidensten Büro¬ und Kommisstellungen vorlieb, und sie haben vor dem fremden Einwanderer die Spezialschulung auf amerikanische Verhältnisse voraus. Handwerker und gelernte Arbeiter nahen bessere Aussichten, zumal dann, wenn sie nicht in New Y^ort irecken bleiben, sondern nach dem dünner besiedeilen Westen 3er Vereinigten Staaten ziehen. Maurer, Stukkateure, Zimmerleute und Eisenarbeiler, auch Buchdrucker. Zimmermaler und Elektrotechniker werden hoch bezahlt, und wenngleich der Dollar in Amerika bei weiten^ nicht den gleichen Kaufwert hat wie t\,30 Mark in Deulaxhlaud, se* bleibt der Wochenlohn eines Mauren mit 70 Dollar oder der eines Nieters mit 90 Dollar auch in Amerika ein schönes Stück Geld. Doch *r wohlgemerkt I — solche Lohne sind nur von Mitgliedern der ,Uniön»'v der Gewerkschaften, zu erzielen, und der Einwanderer muß eine harte Haut haben? viele Ablehnungen »erschmerzen und immer wieder um Aufnahme bitten, bis er die geschützte Stellung eine« .Union'-Mitgliedes erwirbt. Deshalb braucht , auch er eine kleine Geldreserve. ' Von alter Zeit her gilt;Amerika als das,gelobte Land der Attt- - wandezer' Mag sein, daß es dies in alter Zeit gewesen ist. Mag sein, - daß sich ein tüchtiger Arbeiter, ein unermüdlicher Bauer noch heute zu Wohlstand emporarbeiten kann. Mag sein; obschon er dann so hart schaffen müßte, daß ihn das auch in der Heimat vorwärts brächte. Immerhin bleibt die Auswanderung auch für ihn riskant. Für-den T .geistigen Arbeiter' jedoch und für all die Berufsgruppen, die wir in Deutschland .Kleinbürger' nennen oder .Mittelstand', ist Amerika ein aussichtsloses Land geworden und New York ein Friedhof der Hoff- . nungen: Nicht nach New York I Vor allem . . nicht ohne Geld und nicht ohne einige Kenntnis der englischen Sprache I" Mittelamerika. Mexiko. Berichte über Mexiko'stimmen darin überein, daß von einer Einwanderung dorthin, abzuraten ist. Das Leben in Mexiko ist teuer; für mittellose Einwanderer ergeben sich keinerlei Chancen. Matt schreibt uns, daß unter den jetzigen Verhältnissen nur eine Einwanderung solcher Personen rätlich erscheine, die zu Verwandten reisen. Besonders ist darauf hinzuweisen, daß die Kenntnis Aes Spänischen -oder Englischen zum Fortkommen nötig ist. ..■'_■■■» . _ - Der Nummer 7-de» JVachrichtenhlattes der Heichsstellc für 3a» Auswanderungswesen" vom 1. April 1927 entnehmen wir die folgende Darstellung der gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse:. 'vi__r „Die Wirtschaftslage hat sich, taut einer Mitteilung der Deutschen Zeitung von Mexiko vom »4. Februar 1927. trotzdem die Wahrscheinlichkeit .politischer Konflikte geschwunden •ein durfte, noch nicht gebessert Die Geschäftstätigkeit war während der Krisis stark zurückgegangen, die. Aufnahmefähigkeit des Marktes bedeutend geringer geworden, und weder , einheimische noch fremde Kapitalien sind für Unternehmungen irgendwelcher Art zu' haben. Die Fabrik*« -fast .aller Industriezweige haben ihre Betriebe weitgebendst eingeschränkt. Die Gerbereien und Schuhfabriken arbeiten nur bis zu 5o Iiis 60 •/»- ihrer Leistungsfähigkeit. Die bedeutendste Porzellan fabrik des Landes, die vor einigen Jahren die Nachfrage kaum befriedigen konnte, arbeitet nur drei Tage in der Woche. In den meisten Textilfabriken wird nur mit einer Schicht gearbeitet. Lediglich im .Baugewerbe herrscht regere Tätigkeit. ff- 4-i . y- I In einer noch schwierigeren Lage ab die Industrie befindet - sich der Handel. Die gutsituierten 'Geschäftshäuser schranken ihre Unkosten nach Möglichkeit "ein und 'versuchen, sich 'der neuen Lage anzupassen. Die Geschäftstätigkeit -ist äußerst gering, und es besteht vorerst keine Aussicht auf eine baldige Besserung der Lage. " Unter diesen Umständen ist eine Ausreise Jiacb Mexiko ohne die vertragsmäßige Sicherheit einer Beschäftigung nicht ratsam."; Im Jahre igaö ist ein zusammenfassender Bericht von Dr. Maurice B. Hexter über die Juden in Mexiko erschienen, der ein sehr anschauliches und lehrreiches' Bild der wirtschaftlichen . Struktur des Landes gibt Es geht daraus hervor, daß nach dem gegenwärtigen Stand der Entwicklung des Landes der Einwanderung enge Grenzen gezogen sind. Herr Hexter hatte zusammen mit Herrn Charles E. Asnisim Auftrag des Emergency Committee ön Jewish Uefugees iga& Mexiko bereist, zur Erforschung der Aussichten, die sich für . jüdische Auswanderer in diesem Lande eröffneten. - Der Verfasser spricht sich dahin aus, daß sowohl Kolonisation wie weitere Einwanderung nach Mexiko dringend widerraten werden müsse. Der Kolonisation ständen folgende Hindernisse im Wege: Das Fehlen einer großen Fläche fruchtbaren Bodens, der ohne große und kostspielige Bewässerungsprojekte bearbeitet werden könnte; der Mangel an großen industriellen Zentren dichfbei der .Ackerbaufläche, die einen Markt für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse'bieten; unzureichendes Bahnsystem oder Mangel an' sonstigen Transportmitteln, die für leichte und wohlfeile Verschiffung der Erzeugnisse nötig •sind; Unmöglichkeit und Gefahr, mit der Arbeit der Eingeborenen zu konkurrieren.! Beschränkte Möglichkeiten bieten sich dagegen für kleine Gemüsefarmen und Milchwirtschaft innerhalb des Bundes- Distrikts,—' dies aus Gründen der Sicherheit —, für Personen mit Fachkenntnissen, die über mindestens 4000 Pesos verfügen können. " '"/. Auch für die Einwanderung nach Städten werden die Verhältnisse als ungünstig angesehen. Mexiko brauche zurzeit noch keine große kommerzielle Riasse. Es sind dort nurwenig große Städte. Der eingeborene'Peon begnüge sich mit einer sehr bescheidenen Existenz- und seiner eigenen Zivilisation und1 habe für die Erzeugnisse der westlichen Zivilisation kein .dauerndes ausgesprochenes Verlangen. .___ Die Zahl der Analphabeten ist nach' einer Schätzung auf , 60 0, 0 anzusetzen.. / ' .'' -»*"■'. '■—" iVs - ji.^.t,';--^ 't- , ".' . .rr_.^-T...^ --^.'e11A ■ -~ ~» Guatemala. . g ' t Nach Nachrichten, die wir aus Guatemala erhalten haben, ist dringend vor Einwanderung ohne festen Vertrag, verwandtschaftliche Beziehungen oder erhebliche eigene Mittel zu warnen. Cuba. Wie man uns aus Cuba schrieb, ist es. für jeden gefährlich zu kommen, der sich nicht dort im voraus eine Stellung -gesichert hat, oder genügende Mittel besitzt Cuba produziert sehr wenig; es ist tatsächlich völlig auf Import seines täglichen Bedarfs angewiesen. Allmählich erwacht ein Interesse für Fabrikation verschiedener Art, aber es ist noch sehr wenig Kapital investiert Perfekte Kenntnisse im Spanischen sind zum Fortkommen unerläßlich. J Südamerika. Argentinien. Bestimmungen bezüglich Erteilung de« Visums. Zur Erlangung des Visums' muß jeder Einwanderer persönlich folgende Dokumente im Konsulat vorlegen: i. Reisepaß. '.' , .a. Ein polizeiliches Führungszeugnis über die letzten fünf Jahre mit! der genauen Angabevon sich aneinander an- * schließenden Daten über diese Zeit 3. Zwei; lose Paßbilder, sowie eine Quittung über bereits belegten Schiffsplatz. ■ •- Kussische Passe Verden inj argentinischen Konsulaten nicht visiert, Nansenpisse und Personalausweise nur im Generalkonsulat in Hamburg, Ferdinandstr. 56. -,Av \ m Ü , , 1 •,_• \wl«<g'»!,J '& ••'! _ * n -T* ,lJJ» J. V

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.