Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 157)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4919024-4920015--0950-4920172- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
155 der Güte der gepflegten Weine des »goldenen Lamms« alle Ehre machte, his man Onkel Rohert aufhob und sah, daß ihm jegliche Lust, diese vierte Flasche auszutrinken, für alle Ewigkeit vergangen war. »Heute grade vor dreiunddreißig Jahren ist er gestorben«, schluckte Tante Rosalie weiter, »jedes Jahr, das heißt die letjten beiden nicht, geh ich da raus nach der Schönhauser Allee... die beiden legten Jahre war nämlich zu schlechtes Wetter dazu.« »Na, heute ist ja auch nicht grade schön«, warf ich zaghaft ein. »Also ich nehme mir eine Droschke... der Schramm kennt mich doch schon, das ist der, der immer bei uns an der Ecke steht... und fahre raus, und sage ihm, er soll warten. Aber den Schramm werde ich mir kaufen noch... es hat ja ein bißchen lange gedauert... gewiß, ich habe ihm gesagt: höchstens fünf Minuten! Aber er hat doch zu warten. Ich bezahl's ihm ja. Und meinste etwa, in der Gegend ist je 'ne Droschke zu kriegen. Georg?« »Nein«, stotterte ich, »da kriegt man nie Droschken«, denn ich wollte sie doch nicht durch Widerspruch noch mehr aufregen — die Tränen kugelten ihr schon so über die dicken Batken und schössen, wie ein kleiner Gießbach, vom höchsten Punkt eben dieser auf das Riesenstiefmütterchen unter ihrem Doppelkinn herunter, daß das da schon wie mit einer Gießkanne besprengt war. »Also ich gehe zu meinem Robert. .. liegt doch da neben ihm. . . und das Einzige, worauf ich mich noch gefreut habe, ist doch, daß das mein Plag neben meinem guten Robert nun bald sein wird . . . neben ihm, also wirklich und wahrhaftig, eine ganz fremde Frau neben ihm... Denk dir: ausgerechnet Marianne Hcnoch! Die habe ich sowieso nie leiden können. Schon von der Schule an nicht. Nun denk dir, wenn mein Robert da so heimlich mal rüberlangt, und meint, ich bin da zu ihm gekommen — liegt da plötdich 'ne andere Frau, die er kaum kennt. Na nu, frage ich dich, Georg, was hat Marianne Henoch neben meinem Mann zu suchen? Das ist mein Plag. Der kommt mir zu. Seit dreiunddreißig Jahren freue ich mich darauf. Nimmt die ihn mir einfach weg. Wie findet man sowas?! Diese freche Person... Person... Person...« wiederholte sie, als ob sie das Wort ausspuckte. »Aber hat sie sich denn da selber hingelegt, Tante?« »Das ist es ja eben ... eigentlich kann sie ja auch nichts dafür. Aber einen schönen Krach habe ich diesen Eseln